Die Angst der israelischen Siedler
Von Michael Borgstede
Morag. Durch doppeltes Panzerglas sieht die Welt
anders aus. Die Landschaft wirkt impressionistisch verschwommen und unwirklich,
die Soldaten am Kissufim-Übergang gleichen sich langweilenden Zwergen. Der
Egged Bus 36 fährt in ein Märchenland. Flankiert von zwei gepanzerten Jeeps der
israelischen Armee, rollt er durch den Gaza-Streifen.
Palästinenser dürfen die Straße nicht benutzen.
Ein fünfzig bis hundert Meter breiter Sicherheitsstreifen an beiden Seiten soll
Attentate auf reisende Siedler verhindern. Bäume und Sträucher wurden gerodet,
manchmal geraten Ruinen palästinensischer Häuser in Sicht. "Von
dort", zeigt ein älterer Herr aufgeregt, "von dort haben sie vor zwei
Wochen Tali Hatuel und ihre vier Töchter erschossen." Auf einem Sandhügel
steht ein Panzer, das Kanonenrohr drohend auf die Häuser in der Ferne
gerichtet. Am Rand des Sicherheitsstreifens bauen Soldaten einen Zaun. Er soll
derartige Attentate in Zukunft verhindern. "Wenn Scharon zu unserem Schutz
einen neuen Zaun bauen läßt, werden wir wohl doch nicht in Sicherheit
gebracht", meint der Mann triumphierend. Ein blutjunger Reservesoldat
zuckt mit den Schultern. Dann ruft er seine Mutter an: "Mami, ich bin
drin. Ja, es geht mir gut. Ich darf jetzt wieder Idioten beschützen." Der
ältere Mann schaut beleidigt weg. Aus den hinteren Reihen dringt schallendes
Gelächter einer Gruppe Karten spielender Soldaten.
Langsam fährt der Bus in Neve Dekalim ein. Beim
Aussteigen fallen die Einschußlöcher an der Vorderseite des Busses ins Auge.
Neve Dekalim ist mit rund 500 Familien die größte Siedlung im Gaza-Streifen und
Zentrum des südlichen Siedlungsblocks Gush Katif. Der Großteil der rund 7500
israelischen Siedler (amerikanische Schätzungen gehen von nur mehr 5000 aus)
lebt an diesem von einem Elektrozaun gesicherten Ort. Im Restaurant wartet Eran
Sternberg, er ist Sprecher des "Gush Katif" und organisiert Kontakte
zur Presse. "Herzlich willkommen im Paradies", begrüßt er den
Besucher. Er berichtet von der Erleichterung, daß "das Volk" den
Plänen Ariel Scharons einen Riegel vorgeschoben habe. Siedlungsräumungen heißen
bei Sternberg "ethnische Säuberungen", Palästinenser gibt es nicht.
Das sind "Araber", "und wissen Sie, wie viele Staaten die Araber
haben? 24! Und jetzt raten Sie mal, wie viele Staaten wir Juden haben?" Er
sei stolz auf seine Siedler und die Likud-Partei. Sie hätten dem israelischen
Volk einmal mehr "die Reinheit und Kraft des Zionismus verdeutlicht".
Dann wünscht er einen angenehmen Aufenthalt: "Sie sollten allerdings
Verständnis dafür haben, wenn einige Bewohner Ihnen mit Mißtrauen begegnen.
Eigentlich sind wir freundliche Menschen hier, nur haben manche schlechte
Erfahrungen mit Journalisten gemacht. Sie wissen schon, Fangfragen, die zu
unüberlegten Äußerungen führten ..." Er lächelt.
Sternberg hat sich kaum verabschiedet, da setzt
sich einer der wenigen Männer ohne Kippa an den Tisch. "Glaube ihm kein
Wort", sagt er. "Ich wohne in Rafah Jam, und wir reden täglich über
die Räumung. Wir warten nur auf die Kompensationszahlungen aus Jerusalem, dann
sind wir sofort weg." Herzel Izchaki gehört zu den etwa 1800 säkularen
Siedlern, die sich von niedrigen Mietpreisen und Regierungszuschüssen in den
Gaza-Streifen haben locken lassen. "Alle sprechen immer vom Ausbau der
Siedlungen. Bei uns stehen Häuser leer", berichtet er. In Peat Sadeh seien
hundert neue Wohneinheiten gebaut worden - ganze 15 Familien lebten dort
mittlerweile noch. "Viele haben von diesem Leben in Todesangst
genug." Der harte Kern der ideologisch motivierten Siedler sei kleiner als
gemeinhin angenommen. Er nimmt den letzten Schluck Kaffee, verabschiedet sich
und wünscht "Schabbat Schalom" - einen friedlichen Sabbat.
Am schwarzen Brett, dem vereinbarten Treffpunkt
mit Iris Bracha, hängt ein Reiseprospekt: "Zwischen Palmen und Dünen,
zwischen Wüste und Meer, an einem ruhigen, zauberhaften Ort liegen die
Touristenattraktionen des Katif-Distrikts. Einige der schönsten Strände des
Landes gehören ebenso dazu wie Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Menschen,
die die Wildnis in ein Paradies verwandelt haben. Willkommen im
Katif-Distrikt." Das angepriesene "Palm Beach Hotel" liegt
allerdings längst von Besitzer und Besuchern verlassen am Strand. Jemand bietet
Klavierstunden an, eine andere Annonce verspricht "innere Ruhe und
Entspannung durch autogenes Training". Iris Bracha hat gerade ihren
Wochenendeinkauf beendet und sagt: "Kommen Sie, es wird spät. Ich muß vor
Sabbatbeginn noch kochen." Wir machen uns auf den Weg nach Morag. 26
israelische Familien leben dort. Für ihren Schutz haben eine Kompanie der
Infanterie, drei Panzer, ein mit Waffen ausgerüsteter Bulldozer sowie Spürhunde
samt Hundetrainer zu sorgen. Die 600 Meter lange Zufahrtsstraße wird an beiden
Seiten durch Betonblöcke geschützt. Hier wurde zu Beginn der Intifada eine
Israelin von einem Scharfschützen lebensgefährlich verletzt. Iris Bracha will
keine Zielscheibe abgeben und drückt fester aufs Gaspedal. "Dort liegt
Rafah", deutet sie gen Süden, "und dort Khan Junis."
Morag ist vom Feind umgeben. Die Regeln für die
500 Meter Sicherheitszone, die die Siedlung umgibt, sind deshalb besonders
streng. Ende April wurde ein behindertes palästinensisches Mädchen erschossen,
weil es sich aus Versehen der Siedlung näherte. "Natürlich tut mir das
leid", meint Iris. "Aber wenn die Araber nicht dauernd versuchen
würden, uns zu ermorden, wäre es nicht passiert." Die Siedler in Gush
Katif sind immer auf der Hut, jede Frage verstehen sie als Angriff. Sie beteuern,
am Leid der Palästinenser - das Iris und ihr Mann Nissim gar nicht abstreiten -
unschuldig zu sein. "Wir haben niemandem etwas gestohlen",
verteidigen sie sich, wenn die Frage aufkommt, warum 7500 Siedler 45 Prozent
des schmalen Gaza-Streifens kontrollieren, während 1,2 Millionen Palästinenser
mit den verbleibenden 55 Prozent vorliebnehmen müssen.
Dabei sind die Brachas freundliche Menschen,
hilfsbereit, unkompliziert und idealistisch. Ihre Sabbatfeier strahlt eine
feierliche Wärme aus, der sich auch der Besucher nicht entziehen kann. Man
fühlt sich zärtlich aufgenommen, und doch, eine wirkliche Diskussion ist
unmöglich. Ihr ideologisches Gedankengebäude gleicht einer Festung, sie
scheinen immun gegen Selbstzweifel und Kritik. "Ganz Israel entstand so
wie die jüdischen Außenposten hier", sagt Nissim. "Wenn Morag nicht
Israel ist, warum sollen dann Tel Aviv oder Haifa Israel sein?" Wie viele
Siedler sehen sich die Brachas als Stoßtrupp des Volkes Israel, als wahre Erben
der zionistischen Pioniere.
Dabei befürworten mehr als siebzig Prozent der
Israelis die Räumung der Siedlungen im GazaStreifen. Und wenn sie irgendwann
tatsächlich kommen sollte? Nissim will mit allen ihm zur Verfügung stehenden
legalen Mitteln Widerstand leisten, aber niemals werde er eine Waffe gegen
jüdische Soldaten erheben. "Und das Haus?" will Iris wissen.
"Werden wir unser Haus einfach den Arabern in die Hände geben?" Das
Haus würde natürlich zerstört, sagt Nissim. Niemals werde er zulassen, daß die
Hamas-Terroristen seine Wohnung bezögen. Ihre drei Jahre alte Tochter kommt
herbeigesprungen und zeigt ihr neuestes Gemälde: Sie hat die Sonne über den
Gewächshäusern gemalt, doch dominiert wird ihr Werk von einem
Panzer.
Dann kommt die Nacht. Sie wird unruhig. Im
benachbarten Rafah zerstören israelische Bulldozer palästinensische Häuser. Von
Zeit zu Zeit fallen Schüsse. Frühmorgens ruft Nissim zum Frühstück. Er hat gut
geschlafen: "Das ist Lärm aus einer anderen Welt", sagt er. "Was
hinter dem Zaun vorgeht, interessiert uns nicht."
Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung