„Die alte Garde hat uns wieder übergangen”
Von Michael Borgstede, Dschelasun

 

14. November 2004 Es ist gespenstisch ruhig in Ramallah am Abend nach Arafats Beisetzung. Die Busse und Sammeltaxis haben die Stadt längst verlassen, die Journalisten tippen in den ausgebuchten Hotels ihre Beerdigungsgeschichten, und die Einheimischen haben sich am letzten Freitag des Ramadan zum feierlichen Abendessen im Familienkreise versammelt.

Nur die zahllosen Arafat-Porträts an den Häusermauern erinnern daran, daß hier vor wenigen Stunden 200.000 Palästinenser unter chaotischen Umständen ihren Führer zu Grabe getragen haben. „Er war doch unser Vater und wußte am besten, was gut für uns ist”, sagt auch Riad K., als er um kurz nach zehn Uhr aus Sicherheitsgründen zum dritten Mal einen neuen Treffpunkt durchgibt. „Von heute an gibt uns niemand mehr die Richtung vor, jetzt müssen wir selbst entscheiden, was gut für Palästina ist.”  

 

Wie ein gewöhnlicher Halbstarker

 

Auf seinem Moped kommt er um die Ecke gerast. Für einen Augenblick wirkt er wie ein gewöhnlicher Halbstarker. Doch Riad hat eine Mission. „Spring auf!” ruft er und gibt schon mal Gas. Dann geht es gen Norden. Die Mukata liegt bald hinter uns, Riad nimmt eine Abkürzung mitten durch die staubige Wildnis. An der Einfahrt des Dschelasun-Flüchtlingslagers springt, an eine Blechtonne gelehnt, ein riesiges Porträt Jassir Arafats ins Auge. Es ist beleuchtet und zeigt den Präsidenten in grellen Farben als Guerrillakämpfer mit Pistole, im Hintergrund schwebt die Kuppel der Al-Aqsa-Moschee. Mit Vollgas rast Riad durch die dunkle Betonwüste des Flüchtlingslagers.

7000 Menschen sind hier zu Hause und wollen es doch nicht sein. Seit mehr als 50 Jahren zehren sie von der Hoffnung, eines Tages in ihre verlassenen Heimatdörfer nach Israel zurückkehren zu können. Wenn man Riad fragt, wo er zu Hause sei, dann nennt er nicht seinen und den Geburtsort seines Vaters, Dschelasun, sondern Jaffa und erinnert sich an die romantisch verklärten Erzählungen seines Großvaters. Auch er werde seinen Kindern von den Orangenbäumen vor dem Haus erzählen, beteuert Riad dann. Und von dem riesigen Garten und den wöchentlichen Ausflügen auf den Fischmarkt. „Sie sollen wissen, wo sie hingehören.”  

 

Umbenennung in Arafat-Märtyrer-Brigaden

 

Vor einem der ununterscheidbaren Häuser hält Riad an. „Hier ist es. Komm!” sagt er. Drinnen sitzen sieben junge Männer bei Kaffee und selbstgebackenen Ramadan-Leckereien um den Tisch. Einige tragen Uniform, sie haben sich eine schwarze Trauerbinde um den Oberarm gebunden. In der Ecke stehen zwei Gewehre. Eine „inoffizielle Beratung” hatte Riad angekündigt, mit Vertretern der wichtigsten im Lager vertretenen Gruppierungen. Dazu gehören hier unter anderem die Tansim, die Fatah und deren militante Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden, die Hamas und der islamische Dschihad.

„Sie haben uns wieder übergangen”, beschwert sich ein Fatah-Aktivist. „Abu Masen und Abu Ala haben die Macht an sich gerissen, ohne das Volk zu fragen.” Auch der Chef der lokalen Al-Aqsa-Brigaden, die sich gerade in Arafat-Märtyrer-Brigaden umbenannt haben, wettert gegen die neue Regierung. „Die Tunesier haben uns unterschätzt. Wir werden sie nicht akzeptieren, weil sie Agenten der Israelis und der Amerikaner sind.”  

 

Die Kinder der ersten Intifada

 

Die „Tunesier”, das sind jene Vertrauten Arafats, die lange Jahre mit ihm im Exil verbrachten und erst im Rahmen des Osloer Abkommens 1994 in die besetzten Gebiete zurückkehrten. Die junge Generation, die Kinder der ersten Intifada, die unter israelischer Besatzung aufgewachsen sind und jetzt ihren Teil an der Macht fordern, haben für die korrupte alte Garde wenig Respekt. Der neue PLO-Vorsitzende Abbas sei feige. Er habe „unseren heldenhaften Widerstand” beim Gipfel von Akaba im vergangenen Jahr als Terrorismus bezeichnet. „Wir werden mit diesen Kriminellen keine Geschäfte machen”, fügt er bestimmt hinzu. „Wir sind die Intifada!”

Einige der Anwesenden gehören einem der vielen palästinensischen Sicherheitsdienste an. Offiziell unterstehen die seit Donnerstag Ministerpräsident Qurei. In der Praxis dürfte ihre Loyalität zum neuen Befehlshaber zu wünschen übriglassen. „Bisher wurde ich von meinem Kommandeur bezahlt, und der bekam das Geld direkt von Arafat”, sagt Mohammed A., ein Mitglied der Arafat-Märtyrer-Brigaden.

 

Bereit zum Brudermord?

 

„Ohne Gehalt werde ich mich der neuen Regierung nicht verpflichtet fühlen”, kündigt er ganz pragmatisch an. Und mit Gehalt? „Dann bleibe ich ihnen so lange treu, wie sie dem Willen des Volkes treu bleiben.” Und der Wille des Volkes, der wird in freien Wahlen ermittelt? „Nein”, unterbricht Mohammed. „Arafat kannte den Willen seines Volkes. Wir müssen nur seinem Weg folgen.” Das Rückkehrrecht der Flüchtlinge zum Beispiel sei Arafat heilig gewesen.

Eine schrille Stimme vom anderen Tischende unterbricht ihn: „Wer über unsere ewigen Rechte verhandelt, dem schneiden wir den Kopf ab.” Zur Illustration der Drohung fährt der Sprecher mit einem Stift seinen Hals entlang. Er hat zarte Hände. In seinem Gesicht sprießt ein jungenhaft flaumiger Bart, und in den blauen Augen glitzert die Begeisterung eines Besessenen. Er sei bereit zum Brudermord? „Die Feinde des palästinensischen Volkes sind nicht meine Brüder”, entgegnet er. Er trägt keinen Trauerflor um den Oberarm. Seine Erklärung sorgt für Unruhe. „Arafat war für mich längst kein Führer mehr. Usama Bin Ladin - das ist ein wahrer Gläubiger und Krieger des Islam.” Er greift zu seinem Handy. Das Display zeigt abwechselnd einen lächelnden Bin Ladin und zwei kollabierende Wolkenkratzer.


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.11.2004, Nr. 46 / Seite 11