Wieder ein Auszug aus Ägypten

 

Trotz der grausamen Terroranschläge setzt manch junger Israeli seinen Urlaub auf dem Sinai fort

 

Von Michael Borgstede

Taba. Der ägyptische Grenzpolizist läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. "Die Grenze ist geschlossen", verkündet er auf hebräisch. Die langen Pausen zwischen jedem Wort sollen wohl Respekt schaffen. Auf englisch faßt er sich kürzer: "Geschlossen!" Ein israelischer Presseausweis bringt ihn von seiner Meinung ebensowenig ab wie das palästinensische Pendant. Bleiben nur die landesüblichen Methoden: "Vielleicht läßt sich ja eine Ausnahmeregelung finden ..." Er winkt ab: "Geschlossen". In Bakschischland ist an diesem Samstag auch mit Kleingeld nichts zu machen. Einen Vorgesetzten gebe es nicht, versichert er. Und wenn es ihn gäbe, dann hätte er Mittagspause. Schließlich doch noch: "Probieren Sie es in einer halben Stunde noch einmal."

In die andere Richtung ist die Grenze offen, Hunderte meist junger Israelis strömen mit Rucksäcken beladen zurück in ihre Heimat. Von den geschätzten 15000 israelischen Touristen, die das jüdische Laubhüttenfest auf der Sinai-Halbinsel verbringen wollten, waren am Samstag morgen bereits 10000 der Aufforderung ihrer Regierung folgt, die Region sofort zu verlassen. Mit Erlaubnis der ägyptischen Behörden setzte die israelische Regierung Busse ein, welche die Urlauber von den weit abgelegenen Ferienorten ins israelische Eilat transportierten. "Wieder mal ein Auszug aus Ägypten", sagt die 22 Jahre alte Dani, als sie schließlich israelischen Boden unter den Füßen hat. Mindestens zweimal im Jahr habe sie sich bisher einen Kurzurlaub im Sinai gegönnt. Die Stimmung sei so "relaxed" dort. Außerdem seien die Strände schöner als in Israel, die Korallenriffe bunter und alles billiger als zu Hause. "Es wäre schade, wenn das jetzt vorbei sein sollte", sagt sie bedauernd. Ob sie je zurückkehren werde, weiß sie noch nicht. Zunächst gilt ihre größte Sorge der Heimreise. Eilat ist hoffnungslos überfüllt, alle Hotels sind ausgebucht. Tausende kämpfen um die wenigen Plätze in den Flugzeugen nach Tel Aviv, auch die eingesetzten Sonderbusse werden dem Ansturm nicht gerecht. "Und wenn heute abend der Sabbat anbricht, dann bewegt sich erst mal gar nichts mehr", sagt Dani. 

Die halbe Stunde ist vorbei, und diesmal läuft am Grenzübergang alles überraschend glatt. Der Beamte - es ist derselbe von vorher - durchblättert gelangweilt den Paß, reicht ihn wortlos zurück: das war's. Wenige Schritte hinter dem Grenzposten liegt am Meer das zerbombte Hotel Hilton. Das ausgebrannte Gerippe eines Autos ragt aus einem Springbrunnen, auf dem Boden liegen zahlreiche verkohlte Vogelleichen. Die westliche Außenwand des Gebäudes gibt es nicht mehr. In der Lobby liegt eine Badewanne. Israelische und ägyptische Rettungskräfte durchstöbern gemeinsam die Trümmerwüste. Spürhunde sollen ihnen den Weg zu weiteren Opfern weisen. "Auf Überlebende hoffen wir nicht mehr", sagt Avi Tal, ein israelischer Sanitäter, der sich im Hotelgarten auf einer Luftmatratze ausruht. 31 Leichen hätten sie seit Donnerstag nacht geborgen. "Als ich ankam, trieben allerlei Körperteile im Schwimmbecken", sagt Avi. "Die Ägypter irrten hier herum und hatten keine Ahnung, was sie tun sollten. Die haben ja keine Erfahrung mit Terroranschlägen." Mittlerweile funktioniere die Zusammenarbeit gut. "Aber nach dem Anschlag mußten wir eineinhalb Stunden an der Grenze warten, ehe die Beamten uns durchgelassen haben. Und dann wollten sie unsere Reisepässe kontrollieren." Auch der Transport der Verletzten sei schwierig gewesen. "Erst ließen sie uns niemanden aus den Trümmern ziehen, und dann wollten sie an der Grenze die Pässe der Verletzten sehen. Die waren aber im brennenden Hotel geblieben." Ein ägyptischer Grenzpolizist habe den panischen Flüchtlingen Sonderformulare in die Hand gedrückt, die sie ausfüllen sollten. "Es war absurd", schüttelt Avi den Kopf. Ministerpräsident Scharon bedankte sich am Freitag dennoch bei dem ägyptischen Präsidenten Mubarak für die "vorbildliche Zusammenarbeit" und forderte seine Minister auf, sich mit Kritik zurückzuhalten. Mossad Chef Meir Dagan bescheinigte dem arabischen Nachbarn ebenfalls guten Willen, man dürfe aber nicht vergessen, daß Ägypten "in bezug auf Zeitplanung und Bürokratie einfach eine andere Welt" sei.

Wobei der Sinai auch innerhalb Ägyptens eine ganz eigene Welt ist. Das Gebiet wird überwiegend von Beduinenstämmen bewohnt, die in den letzten Jahrzehnten ihren Broterwerb von der Viehzucht auf das Tourismusgeschäft verlegt haben. Und den Schmuggel: Gegen Bezahlung besorgen wüstenkundige Beduinen von Prostituierten über Drogen so ziemlich alles. Auch Sprengstoff. Schon am Samstag hatten die ägyptischen Behörden mehrere Beduinen festgenommen, die verdächtigt werden, den Sprengstoff für die Anschläge organisiert zu haben. Hassan, ein Taxifahrer, kann sich nicht vorstellen, daß Beduinen an den Anschlägen beteiligt waren: "Wir leiden doch am meisten darunter." Er hat gerade hemmungslos das Vierfache des üblichen Preises für die Fahrt nach Ras-al-Sultan verlangt. Dort wurden eine Stunde nach dem Anschlag auf das luxuriöse Hilton zwei israelische Rucksacktouristen von einer Autobombe getötet. "Ich mag die Israelis", sagt Hassan. "Sie sind jung und immer fröhlich." Nur die Bösen, die im Gaza-Streifen palästinensische Kinder ermorden würden, die sollten sich hier nicht blicken lassen. 

Der Strand von Moon Island bietet einen gespenstischen Anblick. Die zahlreichen Strohhütten, in denen man für wenig Geld auf harten Pritschen nächtigen kann, sind abgebrannt oder angekokelt. Hier wurde vor wenigen Tagen noch gefeiert, geflirtet und Hasch geraucht. "Sind alle weg. Weg!" brüllt jemand in arabisch gefärbtem Hebräisch. "Aber komm, weiter oben ist alles ruhig", fügt die Stimme beschwichtigend hinzu. Mohammed will retten, was zu retten ist, und versucht, israelische Touristen zum Bleiben zu überreden. Er bietet Sonderpreise und absolute Sicherheit strandaufwärts. Während er vorweg durch den heißen Sand stapft, erzählt er: "Ich habe es gesehen, es war wie ein Blitz, nur größer." Dann hätten alle geschrieen, irgendwann sei die Armee gekommen. "Aber die sprechen ja kein Hebräisch wie wir, und deshalb haben die Israelis überhaupt nichts verstanden." Die ersten israelischen Rettungskräfte seien erst am frühen Morgen eingetroffen. 

Mohammed glaubt, nur Al Qaida könne den Anschlag verübt haben. "Die rächen sich jetzt, für das, was Bush da im Irak macht. Aber was haben wir ihnen denn getan? Ich bin ein guter Muslim, das kannst du mir glauben." Am Nachbarstrand sitzen unter einem Strohdach eine Handvoll Beduinen mit einigen jungen Israelis und rauchen Wasserpfeife. Sie beschäftigt dasselbe Thema. "Ihr habt es doch immer gut gehabt hier", versucht ein Beduine an vergangene Zeiten zu erinnern. "Wenn ihr zurückgeht, sagt euren Freunden, sie seien immer willkommen. Und den Scharon, den müßt ihr abwählen. Dann passiert so was auch nicht mehr." Die Israelis tauschen ein wissendes Lächeln. "Ich komme jedenfalls wieder", versichert Tali, eine junge Touristin. Wenn in ihrer Heimatstadt Jerusalem etwas in die Luft flöge, würde sie ja auch nicht gleich flüchten. "Warum soll das hier anders sein? Glaub mir: Israelis sind vergeßlich. Nächstes Jahr zum Pessachfest ist es hier wieder voll." Ihre arabischen Zuhörer nicken zustimmend. Gerschom holt aus seiner Hütte einen Weltempfänger, um die israelischen Nachrichten zu hören. Zahlreiche Israelis befänden sich auf dem Weg in den Sinai, um ihr zurückgelassenes Gepäck einzusammeln, sagt der Nachrichtensprecher. Die israelische Regierung rate davon zu diesem Zeitpunkt eindringlich ab. "Die raten aber auch seit Jahren von Ferien im Sinai ab", sagt Gerschom. "Warum hätten wir die Terrorwarnung dieses Mal ernst nehmen sollen?"

 

 

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, Nr. 41 / Seite 8