Das Tor ist offen
Nun kontrollieren die Palästinenser Tulkarm. Mancher Terrorist sucht Zuflucht in der Stadt. Große Hoffnungen macht sich niemand

Von Michael Borgstede

Tulkarm. Als das massive gelbe Tor am Horizont erscheint, gibt Talib Gas. "Anschnallen! Jetzt kommt die Zielgrade", warnt der Taxifahrer seinen Passagier. Der klapprige Mercedes ächzt und stöhnt. "Wir heben ab!" kündigt Talib begeistert an. Dann ist das gelbe Tor auch schon im Rückspiegel zu sehen, Talib bremst abrupt und hält am Straßenrand. "Darauf habe ich vier Jahre gewartet", sagt er. Vier Jahre lang mußte der Taxifahrer seine Passagiere hier verabschieden. Jeder Reisende auf dem Weg von Nablus nach Tulkarm mußte am Tor von Anab einige Meter durch den Sand waten, sich von israelischen Soldaten kontrollieren lassen und die Fahrt schließlich in einem anderen Taxi fortsetzen.

Am vergangenen Dienstag hat die israelische Armee das Tor im Rahmen ihres Abzugs aus Tulkarm geöffnet. Ganz korrekt sei es dabei aber nicht zugegangen, beschwert sich Talib. "In dem Abkommen steht, die Straßensperre werde abgebaut. Sie haben aber nur das Tor geöffnet. Angeblich hatten sie keinen Kran, um die Betonblöcke zu entfernen." Das glaube aber niemand. "Zum Ausbau irgendwelcher Siedlungen stehen dauernd Kräne bereit. Wenn die Israelis wollen, können sie in wenigen Minuten hier wieder einen Checkpoint einrichten." Talib steht mit seinem Mißtrauen nicht allein. Nach viereinhalb Jahren Intifada braucht es eine Menge "vertrauensfördernder Maßnahmen", bevor die Konfliktparteien sich gegenseitig wieder guten Willen zutrauen.

Doch heute zumindest ist das Tor von Anab offen, und Talib läßt es sich nicht nehmen, gleich nocheinmal mit Vollgas hindurchzurauschen. Nur wenige hundert Meter weiter, die ersten Häuser von Tulkarm sind schon zu erkennen, winkt eine israelische Patrouille ausgewählte Fahrzeuge an den Straßenrand. "Siehst du!" Talib ist nicht überrascht. "Jetzt kontrollieren sie eben hier." In der Praxis werde der medienwirksame Abzug aus Tulkarm kaum etwas ändern. "Sobald die Kameras weg sind, geht alles weiter wie bisher."

Izzedin Sharif ist Gouverneur der 55000 Einwohner zählenden Stadt. Das war in der Vergangenheit kein leichter Job. Die Ausgangssperren, die hohe Arbeitslosenquote und die zunehmende Rechtlosigkeit auf den Straßen machten das Regieren praktisch unmöglich. Sharif setzt keine großen Hoffnungen in den israelischen Rückzug. "Aber wenn er hilft, die wirtschaftliche Lage etwas zu entspannen, dann bin ich schon glücklich." Traditionell lebte man in Tulkarm von der Landwirtschaft, man produzierte und exportierte Textilien, oder die Leute waren in Israel beschäftigt. Vor Ausbruch der Intifada überquerten Tausende Palästinenser täglich die Grenze, um in Israel zu arbeiten. Auch viele Israelis besuchten in Friedenszeiten die Stadt, um ihre Autos billig reparieren oder sich in einem arabischen Restaurant verwöhnen zu lassen. Solche Besuche sind heute undenkbar. Und die Sperranlage, die bei Tulkarm wirklich eine Mauer ist, mache es vielen Palästinensern unmöglich, ihre Familien zu ernähren. Die Mauer - Herr Sharif kann sich über sie nicht genug aufregen. Er kramt Karten hervor, durchsucht seine Schubladen nach eingereichten und fadenscheinig abgewiesenen Beschwerden und wettert dabei pausenlos gegen die "Apartheidsmauer, dieses Monstrum, das uns unser Land stiehlt". Natürlich weiß auch Herr Sharif, daß man von den Hügeln bei Tulkarm die Lichter der israelischen Küstenstadt Netanja sehen kann. Natürlich weiß Herr Sharif, daß die Fahrt dorthin ohne Mauer nur 15 Minuten dauern würde, und natürlich weiß Herr Sharif auch, daß ein junger Mann aus Tulkarm es war, der im März 2002 während der Feier des Passahfestes 29 Israelis in einem Hotel in Netanja in die Luft sprengte. Doch wenn man ihm zuhört, wenn man sich die Karten anschaut, die zeigen, wie der Wall nördlich und südlich von Tulkarm jeweils einige Kilometer jenseits der "Green Line" palästinensische Dörfer von ihrem Ackerland abschneidet - dann hat Herr Sharif irgendwie genauso recht wie der israelische Offizier, der nur wenige Stunden vorher verkündete: "Der Zaun rettet Leben."

Auf dem zentralen Platz der Stadt, benannt nach einem von Israel getöteten Fatah-Führer, marschieren blaugescheckte Uniformierte auf und ab. 1800 bewaffnete Polizisten sollen das Chaos auf den Straßen Tulkarms beenden und wieder Ruhe und Ordnung herstellen. Zahlreiche Passanten schauen interessiert zu. "Palästinensische Polizisten haben wir lange nicht gesehen", sagt einer. Sie seien bitter nötig. "Der Gerichtshof in Tulkarm ist seit Monaten geschlossen. Kriminelle können bei uns gar nicht mehr verurteilt werden."

Seit Arafats Tod richtet sich das Augenmerk vieler Palästinenser verstärkt nach innen. Ihre Anliegen beziehen sich auf den Augenblick - wohl auch, weil Frieden vielen in unerreichbarer Ferne scheint. "Abbas soll die Palästinenserbehörde und die Fatah von Grund auf reformieren", fordert der Gemüsehändler Said. "Es müssen deutliche Regeln her: Polizisten dürfen Waffen tragen und sonst niemand." Und der Friedensprozeß? "Ihr Ausländer fragt immer nach dem Friedensprozeß. Den gibt es gar nicht. Wir verlieren eine Schlacht nach der anderen, weil wir dumm und die Israelis klug sind." Er sei dennoch bereit, Abbas eine Chance zu geben. "Die Intifada muß beendet werden. Wir werden sehen, ob sich Bush noch an uns erinnert, wenn wir den Widerstand einstellen." Er schaut den Polizisten zu und murmelt: "Wir sind alle so bitter geworden. Wir glauben gar nicht mehr daran, daß sich etwas verändern könnte."

Mohammed Stawi muß nicht an Veränderungen glauben, er kann sie fühlen. "Ich habe zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren eine ganze Nacht durchgeschlafen", sagt er stolz, als sei das eine sehr ungewöhnliche Sache. Stawi, 28 Jahre jung, ist zu Besuch bei seinen Eltern im Flüchtlingslager Tulkarm. Seit Mai 2003 wird er von den Israelis gesucht. Seitdem hatte er keine ruhige Minute. Seine drei Kinder müssen ohne ihn aufwachsen, auch seine Frau bekommt er kaum zu Gesicht. Wie er jetzt auf dem Boden seines Elternhauses im Flüchtlingslager Tulkarm sitzt, kann er sein Glück kaum glauben. Er scherzt, lacht und ist für einen gesuchten Terroristen äußerst charmant. "Mutterliebe geht durch den Magen", neckt er seine Mutter, als die einen weiteren Teller mit arabischen Leckereien serviert.

"Ja, ich bin erleichtert", gibt er zu. "Die Israelis sind weg, und die Regierung will uns in die Sicherheitsdienste einbinden." Ungefähr 50 Namen aus der Region Tulkarm hätten die Israelis auf ihrer Liste gehabt. "Jetzt kommen natürlich auch Kämpfer aus anderen Städten ins sichere Tulkarm." Außerdem gebe es Schmarotzer, die von der neuen Situation profitieren wollten und sich als Helden ausgäben. Im Flüchtlingslager wisse man aber sehr genau, wer wirklich sein Leben für die palästinensische Sache riskiert habe. Das Wichtigste jedoch sei - er sagt das mit einem intensiven Blick auf seine Mutter -, daß er nicht mehr in Lebensgefahr schwebe. Einige seiner Freunde hätten schon ein Schreiben des Innenministers Nasser Jussef erhalten. "Darin steht, daß wir pro Person eine Waffe behalten dürfen. Sie darf aber nicht geladen sein oder in der Öffentlichkeit getragen werden."

Die Maschinenpistole dort in der Ecke sei also ungeladen? Stawi lacht. Nein, so schnell könne er sich nicht umgewöhnen. "Aber die Intifada ist für dich zu Ende?" Er nimmt einen Schluck Tee, als müsse er sich für seine Antwort stärken: "Die Intifada ist erst beendet, wenn wir unser Land befreit haben." Seine Stimme klingt müde. Fast entschuldigend fügt er hinzu: "Glaub mir, kein Soldat liebt den Krieg. Alle wollen zurück zu ihren Familien. Das Töten ist kein schönes Geschäft." Dann schweigt er, die Erleichterung von vorhin scheint verflogen. Wenn in Palästina die Gedanken in die Zukunft schweifen, verdüstert sich die Stimmung. Eine letzte Frage - er müsse nicht antworten: "Weißt du, wie viele Menschen du schon getötet hast?" Stawi zerbröselt langsam einen Keks über dem Fußboden und betrachtet die Krümel. "Nein", sagt er verlegen. "Aber ich hoffe, daß keine weiteren hinzukommen."


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.03.2005, Nr. 12 / Seite 7