Der Schwebende
Mahmud Abbas muß die Palästinenser aus ihren Träumen wecken. Das könnte gelingen


Von Michael Borgstede
Im Jahr 1995 - die Osloer Friedensbegeisterung hatte ihren Höhepunkt erreicht und Arafat war mit seinen Getreuen gerade triumphierend in den Gazastreifen eingezogen - äußerte Mahmud Abbas einen Wunsch. Nach 47 Jahren im Exil wollte er das Haus seiner Kindheit in der nordisraelischen Stadt Sfad wiedersehen. Das Gesuch wurde an die israelische Regierung weitergeleitet. Bald nahmen die Medien die Witterung auf. In Sfad kam es zu aufgebrachten Demonstrationen gegen den Besuch, in Talkshows wurde heiß darüber diskutiert. Abbas' geplante Visite wurde daraufhin abgesagt. Einen Monat später kam er schließlich doch. In Begleitung des arabischen Parlamentariers Achmed Tibi stoppte er an dem Ort, wo er 1935 geboren wurde. "Hier war mein Haus. Es steht nicht mehr. Es wurde zerstört", soll Abbas gemurmelt haben. In den erhalten gebliebenen Teilen des Gebäudes lernten jüdische Kinder den Talmud. Nur im Vorgarten stand noch immer die uralte Zypresse, in deren Schatten einst der kleine Mahmud gespielt hatte. Für Abbas war es die Konfrontation mit einer Vergangenheit, die unwiderruflich vergangen ist. Er habe traurig gewirkt, sagt Tibi. Eine lang verleugnete Realität hatte ihn eingeholt.  
Als die Familie Abbas im Krieg 1948 nach Syrien flüchtete, war Mahmud 13 Jahre alt. In Damaskus arbeitete er zunächst als Fliesenleger, dann als Grundschullehrer und studierte schließlich Jura. 1957 ging er nach Qatar und legte dort den Grundstein für sein heutiges Vermögen. Bald begann sich der junge Mann für die Sache der Palästinenser zu engagieren, traf Arafat und beteiligte sich am Aufbau der Fatah-Organisation. Das Ziel der Bewegung: die Befreiung Palästinas vom Jordan bis zum Mittelmeer. Israel war der "zionistische Feind", galt als teuflischer Urheber allen palästinensischen Leids. Seinem israelischen Verhandlungspartner Jossi Beilin hat Abbas später gestanden, daß die Palästinenserführung über den jüdischen Staat so gut wie nichts wußte und diese Ignoranz lange Zeit auch noch als Tugend empfand. Anfang der siebziger Jahre stieß Abbas auf einen Artikel, in dem die demographische Zusammensetzung Israels erläutert wurde. Die Hälfte aller israelischen Juden stamme aus arabischen Ländern, mußte er dort lesen und war ob seiner eigenen Unwissenheit schockiert. Er begann, sich über den Erzfeind zu informieren, studierte sogar die Geschichte des Zionismus in Moskau. Daß es dabei nicht immer streng wissenschaftlich zuging, bezeugt seine 1982 entstandene Doktorarbeit, in der Abbas die Zahl der Holocaust-Opfer auf "möglicherweise weniger als eine Million" herunterrechnet und ein zionistisch-nazistisches Komplott herbeiphantasiert.  
Und doch hat ihn der differenzierte Blick auf die komplexen Strukturen der israelischen Gesellschaft auf neue Wege geführt. Gegen den Widerstand Arafats unterhielt er zunächst vorsichtige Kontakte zu erklärten Antizionisten auf israelischer Seite. Bald kamen arabische Israelis, Angehörige der Arbeiterpartei und moderate ehemalige Militärs hinzu. 1977 erarbeitete er gemeinsam mit dem israelischen General Matitjahu Peled die "Prinzipien für den Frieden", in denen erstmals eine Zwei-Staaten-Lösung erörtert wurde.
Nach der Ermordung von Abu Dschihad 1988 wurde Abbas für die besetzten Gebiete zuständig. Mit Hilfe niederländischer Vermittler unterhielt er in den Jahren darauf geheime Kontakte mit einflußreichen Israelis. Er koordinierte die Verhandlungen in Madrid 1991 und zog die Fäden bei den Geheimverhandlungen in Oslo. Die daraus resultierende Prinzipienerklärung unterschrieb er im Namen der PLO - ebenso wie das Gaza-Jericho-Abkommen von 1995. Nach der Rückkehr aus dem Exil wurde Abbas als Abgeordneter für Kalkilia in den Legislativrat gewählt und 1996 zum Generalsekretär des Exekutivkomitees der PLO.
Mit dem sogenannten Abu-Mazen-Beilin-Plan legten die beiden Namensgeber im Oktober 1995 ein Dokument vor, das als Verhandlungsgrundlage einer endgültigen Lösung des Nahost-Konfliktes dienen sollte. Wenige Tage bevor Beilin den Plan seinem Ministerpräsidenten Rabin präsentieren konnte, wurde dieser ermordet. Aus Angst vor aufgebrachten Reaktionen hielten beide Seiten den Entwurf für fünf Jahre geheim. Im Herbst 1999 unterbreitete Abbas Israel und Amerika einen ähnlichen Vorschlag, auf dessen Basis sich nach seiner Ansicht verhandeln ließe. Die Details lesen sich wenig originell: ein weitgehend siedlungsfreier Staat in den Grenzen von 1967 mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt und einem prinzipiellen Rückkehrrecht der Flüchtlinge; die Realisierung müsse aber mit den Israelis abgesprochen werden. Abbas' Vorschlag wurde ebenso ignoriert wie sein Wunsch nach Geheimverhandlungen.
So zog sich Abbas zurück. Am mißglückten Gipfel in Camp David im Sommer 2000 war er schon kaum mehr beteiligt. Es wurde still um ihn. Im März 2003 ernannte ihn Arafat unwillig zum ersten palästinensischen Ministerpräsidenten - und fiel ihm in den Rücken, wann immer er nur konnte. Doch nicht nur wegen der Intrigen des alten Mannes und der israelischen Unwilligkeit, ihn durch Zugeständnisse zu stärken, scheiterte Abbas nach nur 130 Tagen im Amt. "Er hat keine Ellbogen, er vermeidet Konfrontationen", hat Jossi Beilin einmal über ihn gesagt. Eigentlich sei Abbas ein "unpolitischer Politiker". Er habe immer über dem Dreck des tagespolitischen Geschäfts geschwebt. Sein Metier waren langwierige Geheimverhandlungen, die weit über ihre Zeit hinauswiesen. Manchmal schien es indes, als sei die Genugtuung, früher als andere die wahre Lösung am Horizont entdeckt zu haben, ihm Lohn genug. Für die Verwirklichung seiner Ideen, für die volksgerechte Vermittlung, war Jassir Arafat zuständig. So war Abbas zwar immer einflußreich, aber selten sichtbar.
Jetzt ist es mit der Geheimniskrämerei vorbei: Der 69 Jahre alte Mann steht selbst im Rampenlicht. Man kann ihm kaum nachsagen, daß er auf diese Situation sehnsüchtig gewartet habe. Machthunger ist ihm so fremd, wie Manipulation, Täuschung oder politische Manöver ihm ein Greuel sind. Abbas vertraut lieber der menschlichen Vernunft. Ein fast fatalistischer Rationalist ist er: Was gerecht und richtig ist, wird früher oder später obsiegen, da hat er keine Zweifel. Sein unerschütterlicher Glaube, daß gute Argumente letztlich überzeugender wirken als Kalaschnikows, wird von vielen Palästinensern offen verlacht. Der Mann mit einem Faible für klassische arabische Musik und Poesie ist das Gegenteil das selbsternannten Revoluzzers Arafat. Der neue Präsident ist ein Buchhalter. So sieht er auch die bewaffnete Intifada unter einem Kosten-Nutzen-Aspekt: Gebracht hat sie den Palästinensern bisher wenig.  
Derweil herrscht in den Palästinensergebieten Chaos, die Islamisten erfreuen sich größerer Beliebtheit als zuvor, und die humanitäre Lage hat sich dramatisch verschlechtert. Abbas steht darum vor keiner leichten Aufgabe: Es gilt, die palästinensische Gesellschaft sanft aus ihren Träumen zu wecken, den Flüchtlingen die veränderten Realitäten nahezubringen, die Islamisten vorsichtig in die politische Arena zu zerren und so zur Akzeptanz demokratischer Grundregeln zu zwingen - und gleichzeitig mit Amerikas Hilfe sichtbare Fortschritte im Friedensprozeß zu erhandeln.  
Abbas könne nicht lügen, heißt es in den Palästinensergebieten oft. Das kann in der Politik ein Nachteil sein. Bei den Wahlen am 9. Januar hat er davon wohl profitiert. Kaum jemand liebt ihn, aber seine Ziele sind Konsens, er ist weitgehend durchschaubar und ein erfahrener Diplomat. So haben mehr als sechzig Prozent der Wähler ihm einen Vertrauensvorschuß gegeben. Sie warten ungeduldig auf Ergebnisse. Kann Abbas die liefern, werden sie ihn vielleicht lieben lernen. Und wenn nicht? Beilin erinnert sich: "Traten bei den Verhandlungen Konflikte auf, verschwand Abbas einfach, und ich konnte ihn nicht erreichen. Dann war er nach Damaskus, Qatar oder Moskau geflogen." Wenn nämlich die Realität den Erfordernissen seines messerscharfen Verstandes nicht nachkommt, dann macht der sensible Intellektuelle sich enttäuscht davon.  



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.01.2005, Nr. 4 / Seite 12