Ein Herz für Spinner

 

In Israel ringt die linke deutsche Zeitung "Jungle World" mit dem Absurden

 

Von Michael Borgstede

Jerusalem. Da hat man immer geglaubt, daß Linke gesund leben und an die Umwelt denken. Stimmt aber nicht. Die Aschenbecher in den provisorischen Redaktionsräumen der linken Wochenzeitung "Jungle World" quellen über, statt Müsliriegel gibt es Bier, und beim abendlichen Grillen wird mit Plastikbesteck von Papptellern gespeist. "Wir sind ja keine Öko-Faschos", heißt es dann (wie überhaupt politische Gegner im linken Milieu mit Vorliebe des Faschismus bezichtigt werden). Die 17 Redakteure der Kreuzberger Zeitung jedenfalls scheinen die Produktion ihrer jährlichen Auslandsnummer zu genießen; am 23.Juni soll sie erscheinen. Schon zum siebten Mal hat sich die Redaktion für vierzehn Tage in ein anderes Land verlegt und spielt verkehrte Welt. Nach Polen, Dänemark, Kroatien und einigen anderen europäischen und vor allem billigen Ländern hat man sich mit Unterstützung der Bundeskulturstiftung diesmal in einem Feriendorf bei Jerusalem niedergelassen. Auf der hauseigenen Homepage ist zwar von einem Kibbuz die Rede, doch auch in Israel ist der sozialistische Traum längst ausgeträumt und der Kibbuz privatisiert.

Israel ist für deutsche Linke nicht irgendein Land, an Israel scheiden sich die Geister. Der Nahost-Konflikt spaltet die Linke in zwei verfeindete Lager. Da sind zum einen die sogenannten "Antiimperialisten". Sie sehen hinter dem Antiterrorkrieg das fiese Antlitz amerikanischen Hegemonialstrebens durchscheinen und halten es prinzipiell mit den Unterdrückten. Israel als Verbündeter Amerikas kommt da natürlich schlecht weg. Damit das eigene Weltbild schön verständlich bleibt, redet man sich die angeblichen Opfer des kapitalistischen Imperialismus schön. Das Serbien des Slobodan Milosevic wurde so zum sozialistischen Märchenland, wie auch das Verständnis für palästinensische Selbstmordattentäter keine Grenzen kennt. Mit alledem aber will man bei der "Jungle World" nichts zu tun haben. 1997 aus einer Abspaltung der ehemaligen FDJ-Zeitung "Junge Welt" hervorgegangen, gehört das Blatt zur "antideutschen" Strömung. Deren ideologische Selbstbestimmung ist nebulös, von der "Adornitischen Auffassung des Warenfetischismus" ist die Rede, von

"Wertvergesellschaftung" und der "Fetischisierung des Konkreten". Dahinter steckt der eingängige Gedanke, den Deutschen seien Faschismus und Antisemitismus nun einmal in die Wiege gelegt. Die Opposition der deutschen Regierung zum Irak-Krieg interpretieren die Antideutschen als Profilierungsversuch und Rückkehr zum deutschen Weltmachtstreben, schlecht getarnt als "Weltfriedensmachtstreben". Für den Nahost-Konflikt gilt schlicht: "Deswegen bedeutet Solidarität mit Israel zugleich eine Bekämpfung des deutschen Antisemitismus." Diese urdeutsche Verwirrung in der Linken führt zu den abwegigsten Allianzen: Während Antiimperialisten gemeinsam mit rechtsradikalen Gruppen George W. Bush und Ariel Scharon zu Nazis stilisierten, sangen die Antideutschen im schönen Einklang mit der verhaßten "Springer-Presse" das Lied von der militärischen Demokratisierung des Nahen Ostens.

Die Macher von "Jungle World" sind sich der Absurdität dieser Situation wohl bewußt. Man kann ihnen nicht vorwerfen, sich selbst oder die innerlinken Grabenkämpfe allzu ernst zu nehmen. Sie bedauern, daß ihre Zeitung, einst als linkes Diskussionsforum gedacht, nun zum Mitteilungsblatt für diverse linksradikale Sekten zu verkommen droht. Sich selbst bezeichnen sie als "undogmatische Linke". Das manifestiert sich vor allem in nicht enden wollenden dialektischen Diskursen, untermalt von türkischer Popmusik, die aus den völlig überforderten Boxen eines Notebook scheppert. 

Man ist tolerant geworden. "Die F.A.Z. lese ich doch gerne", sagt Chef vom Dienst Martin Krauß; mit seinem - wenn auch ungebügelten - Hemd und der Bundfaltenhose strahlt er eine ganz und gar unlinke Seriosität aus. Deniz Yücel, der "Grilltürke", beschwert sich über das "Suppenfleisch", das die unkundigen Deutschen fürs Abendessen mitgebracht haben. Später zaubert er eine Flasche Raki aus dem Eisschrank. Man erzählt von der täglichen Recherche. Eine Gruppe Architekten will die Olympischen Spiele 2020 nach Tel Aviv holen. Spinnerei, natürlich. Doch in der "Jungle World" hat man ein Herz für Spinner, die Geschichte kommt jedenfalls rein. Über die Partyszene in Tel Aviv will berichtet werden, der Schriftsteller Benny Barbasch hat ein Interview gewährt, und am Samstag fährt eine Delegation in den Gaza-Streifen. Der journalistische Alltag geht weiter, auch wenn Selbstzweifel nagen. "Hättest du das vor zehn Jahren gedacht, daß wir uns in so einer Situation wiederfinden?" fragt der Auslandsredakteur vor dem Zubettgehen seinen Mexiko-Korrespondenten. "Auf der einen Seite der Islamo-Faschismus, auf der anderen der bürgerliche Kapitalismus." Die Welt ist kompliziert geworden, die alten Erklärungskategorien taugen nicht mehr so recht. Auf dem Nachttisch liegt als Bettlektüre: "Das Ende des Sozialismus - Die Zukunft der Revolution".

 

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004, Nr. 24 / Seite 14