Israels Politik der "eisernen Mauer"
Nur Stärke sichert das Überleben des jüdischen Staates in einer feindlichen
Umgebung
VON MICHAEL BORGSTEDE
Der zionistische Führer Seev Jabotinsky machte sich keine Illusionen über ein
friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern in Palästina. 1923 schrieb er
in dem Aufsatz "Über die eiserne Mauer": "Die zionistische
Kolonisierung muß entweder beendet oder gegen den Willen der einheimischen
Bevölkerung durchgeführt werden. Diese Kolonisierung kann nur fortgesetzt
werden und Fortschritte machen, wenn sie unter dem Schutz einer Macht steht,
die unabhängig von der einheimischen Bevölkerung ist - einer eisernen Mauer,
die in der Lage ist, dem Druck der einheimischen Bevölkerung zu widerstehen.
Das ist in toto unsere Politik gegenüber den Arabern." Da die britische
Mandatsmacht in ihrer Unterstützung des zionistischen Unternehmens vorsichtiger
wurde, blieb dem Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft in Palästina vor der Staatsgründung,
nur der Selbstschutz.
Einen Ausgleich mit den Arabern hielt Jabotinsky für unrealistisch, denn
"solange es in ihren Köpfen auch nur den kleinsten Hoffnungsschimmer gibt,
uns eines Tages loszuwerden, wird kein gutes Wort und kein noch so attraktives
Versprechen sie zur Aufgabe dieser Hoffnung bringen; denn sie sind kein
nichtswürdiger Pöbel, sondern eine lebendige Nation. Eine lebendige Nation
jedoch ist hinsichtlich lebenswichtiger Fragen nur dann zu Konzessionen bereit,
wenn sie alle Hoffnung verloren hat, ,uns loswerden' zu können, und wenn
jegliche Öffnung in der ,eisernen Mauer' abgedichtet ist." Während die
Existenz einer palästinensischen Nation von der israelischen Rechten bis heute
abgestritten wird, wurde das Konzept der "eisernen Mauer" zur
Richtlinie der israelischen Außenpolitik der vergangenen achtzig Jahre.
David Ben Gurion, wahrlich kein Anhänger der revisionistischen Ideologie
Jabotinskys, äußerte sich dreizehn Jahre später ähnlich: "Nur nach der
totalen Verzweiflung der Araber, Verzweiflung nicht nur wegen ihres Versagens
bei den Aufständen gegen uns, sondern auch als Konsequenz unseres
Bevölkerungswachstums, werden die Araber sich möglicherweise mit einem
jüdischen Eretz Israel abfinden." Natürlich hat Israels Fixierung auf die
notwendige Abschreckung den Blick auf manche Chancen zu Verhandlungen
verstellt. Aber im nachhinein sind die Erfolge der "eisernen Mauer"
nicht von der Hand zu weisen. Die Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien
sind nicht zuletzt erreicht worden, weil eine überlegene israelische Armee die
Zerstörung Israels unmöglich machte. Erst als die "Palästinensische
Befreiungsbewegung" nach dem ersten Golfkrieg isoliert war und vor dem
Ruin stand, kam es zum Osloer Friedensprozeß.
Ministerpräsident Ariel Scharon glaubt, daß Israel nur aus einer Position der
Stärke heraus mit seiner feindlichen Umgebung verhandeln könne, und steht damit
in der Tradition seiner Vorgänger. Daß Gewalt gegen Israel nie erfolgreich sein
dürfe: Davon waren die oft unverhältnismäßig harten Vergeltungsschläge der von
Scharon geführten Einheit 101 in den fünfziger Jahren angetrieben. Dieser
Gedanke steht auch hinter dem heutigen "Kampf gegen den Terrorismus".
Doch ist diese Politik nicht anachronistisch? Haben sich die Palästinenser nicht
längst mit der Existenz des Judenstaates abgefunden? Ob berechtigte Angst oder
übertriebene Vorsicht: In der israelischen Bevölkerung herrscht das Gefühl vor,
ein Zeichen der Schwäche könnte das Ende Israels bedeuten.
Das Gegenargument ist bekannt: Die Besatzung sei der Grund allen Übels. Israel
müsse sich auf die Grenzen von 1967 zurückziehen. Dann erst werde der Terror
ein Ende haben. Doch ein Rückzug setzt Vertrauen voraus. Vertrauen darauf, daß
die Palästinenser friedlich neben einem jüdischen Staat leben wollen, und
Vertrauen darauf, daß eine palästinensische Regierung gegen die
Terrororganisationen kompromißlos vorgehen wird. Von Arafat ist das kaum zu
erwarten. Insofern ist die Forderung nach einer demokratischen Regierung keine
Einmischung in palästinensische Angelegenheiten, sondern die Voraussetzung für
den Frieden. Sollten die Terroranschläge nach der Gründung eines
palästinensischen Staates andauern, bliebe Israel nur, einen souveränen Staat
zu besetzen. Der Trennungszaun zum Westjordanland ist deshalb auf lange Sicht
eine gute Idee.
Problematisch ist, daß Scharon legitime Sicherheitserwägungen für politische
Ziele mißbraucht. Auch sind Siedlungsausbau und eine neue Transitautobahn zu
einem nicht genehmigten Siedlungsaußenposten der Sicherheit Israels kaum
zuträglich. Es fiele leichter, die Entscheidungen der israelischen Regierung zu
verstehen, wenn sie der Terrorbekämpfung dienten und nicht auch einer
kolonialistischen Ideologie huldigten, die dem Zionismus zwar zum Erfolg
verhalf, dem jüdischen Staat aber mittlerweile schadet.
Text:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.05.2004, Nr. 20 / Seite 8