In der Geiselhaft von Orthodoxen
Über den Streit zwischen Strenggläubigen und den Säkularen berichtet
aus Israel Michael Borgstede
Eine Bedingung habe er, sagt Itzik
Meierson. "Ich rede mit Ihnen, aber Sie dürfen in Ihrem Artikel den Namen
des HÖCHSTEN nicht benutzen." Nun, so sei es. Am Mittwoch abend
jedenfalls, als die Knesset den Haushaltsplan für das Jahr 2005 mit
überwältigender Mehrheit abgelehnt hatte, führte Itzik mit einigen Nachbarn
einen Freudentanz zu SEINEN Ehren auf den Straßen des ultraorthodoxen
Stadtviertels Mea Schearim in Jerusalem auf. "Es war ein Wunder",
sagt er strahlend. "Die antijüdischen Schinui-Minister sind wir los und
haben sogar noch Geld bekommen."
Itzik trägt
einen abgewetzten schwarzen Anzug und den für ultraorthodoxe Juden typischen
Hut. Wenn er lächelt, ist das hinter dem Vollbart schlecht zu erkennen. Seine
Hände sind bleich, der unübersehbare Bauchansatz deutet auf wenig körperliche
Bewegung hin. Was er denn in seiner Freizeit mache? Itzik muß lachen, das sei
eine dumme Frage. "Freizeit habe ich nicht. Täglich gehe ich um sieben in
der Früh in mein Kollel, um mit anderen Männern die heiligen Texte zu
studieren. Etwas Wichtigeres gibt es nicht", sagt er. Erst zum Abendessen
kehre er aus der Religionsschule für verheiratete Männer zu seiner Frau und den
sieben Kindern zurück.
Die beiden
älteren Söhne lernen ebenfalls in Religionsschulen. Acht Stunden täglich würden
sie sich bereits mit "Heiligen Dingen" beschäftigen, versichert Itzik
stolz. Und Mathematik, Geschichte, Englisch? "Dafür sind zwei Stunden am
Abend vorgesehen. Das Bildungsministerium besteht darauf." Für einen
erfolgreichen Einstieg in den Arbeitsmarkt ist eine derart ausgerichtete
Bildung keine gute Voraussetzung. Etwa 80 Prozent der arbeitsfähigen orthodoxen
Männer verdienen kein Geld. Wenn man ihn fragt, wovon er und seine Familie
leben, zögert Itzik keine Sekunde: "Von SEINER Güte."
Nur wenige
Autominuten entfernt sieht man das anders. "Die Orthodoxen leben nicht von
irgendeiner Güte, sondern von meinen Steuern", meint Assaf Vissitzky. Der
Rechtsanwalt bewohnt mit seiner Frau Rina ein geräumiges Einfamilienhaus am
Stadtrand von Jerusalem. Mea Schearim ist hier weit weg, ein
"Paralleluniversum", wie Assaf sagt. "Die Geisterbahn um die
Ecke." Die Vissitzkys bezeichnen sich selbst als liberal, aber für den
Lebensstil der Orthodoxen haben sie kein Verständnis. "Wir gehören zur
oberen Mittelklasse und zahlen 64 Prozent Steuern, damit Leute wie dieser
Meierson nicht arbeiten müssen", schimpft Assaf. Sein Ton wird schärfer,
als er fortfährt: "Ungefragt zahlen wir bei jedem Einkauf Unsummen für
irgendwelche Koscher-Zertifikate von schwachsinnigen Rabbinern. Und von Freitag
abend bis Samstag abend fährt im ganzen Land kein öffentliches
Verkehrsmittel." Seine Stimme überschlägt sich. "Das ist ein
unhaltbarer Zustand. Wir leben doch nicht in einer religiösen
Diktatur."
Bei der Wahl im
Januar 2003 haben die Vissitzkys deshalb für die Schinui-Partei gestimmt.
"Wir hatten einfach genug. Seit Jahren hält eine religiöse Minderheit das
ganze Land in Geiselhaft und erpreßt einen Ministerpräsidenten nach dem
anderen." Ob Rabin, Barak oder Netanjahu: Ohne die ultraorthodoxen
Parteien konnte keiner eine regierungsfähige Koalition formen. Die Orthodoxen
ließen sich ihre Unterstützung mit großzügigen Zuwendungen an ihre
Institutionen teuer bezahlen. Schinui versprach, dem ein Ende zu bereiten. Die
aggressiv antireligiöse Wahlkampagne des Vorsitzenden Tommy Lapid brachte der
zuvor profillosen Partei überraschend 15 Parlamentssitze ein. Erstmals in der
Geschichte des Staates war eine Regierungsbildung ohne Beteiligung der
Orthodoxen möglich. Schinui hatte viel vor: Eine "säkulare
Revolution" kündigte Lapid an. Das Verhältnis von Staat und Religion müsse
revidiert werden.
Die Probleme
sind nicht von heute auf morgen entstanden. Zu einem nicht unerheblichen Teil
ist Staatsgründer David Ben Gurion schuld an der Misere. In dem
"Status-quo-Brief" von 1947 versicherte er den religiösen
Autoritäten, der zukünftige Staat Israel werde bestehende Abmachungen nicht
antasten. So wurde der Sabbat zum nationalen Ruhetag, an dem kein Staatsdiener
arbeiten muß; das schonbestehende religiöse Schulsystem durfte bestehenbleiben;
alle Regierungsküchen wurden darauf verpflichtet, die Koscher-Gesetze zu beachten,
und das Rabbinat behielt die Hoheit über Eheschließungen, Scheidungen und
Beerdigungen. Ben Gurion lag nichts an einer offenen Konfrontation mit den
Religiösen, die dem Zionismus oft sehr kritisch gegenüberstanden. Noch heute
ist in der ultraorthodoxen Welt kein einheitlicher Standpunkt zum israelischen
Staat auszumachen. Das Spektrum reicht von wohlwollender Akzeptanz bis hin zu
dämonisierender Ablehnung.
Ben Gurion maß
seinen Zugeständnissen keine große Bedeutung bei. In den Augen der säkular geprägten
Zionisten waren die wenigen tausend Orthodoxen ein Kuriosum, das bald
verschwinden würde. Heute zählt Israel etwa 600000 Orthodoxe. Ihre Geburtenrate
liegt mit 7,6 Kindern pro Frau ebenso hoch wie die von palästinensischen Frauen
im Gaza-Streifen.
Sahen säkulare
Israelis die Orthodoxen jahrelang als seltsam verkleidete Hüter einer
Tradition, so herrscht mittlerweile Angst vor einem weiteren Machtzuwachs und
einer Zwangsverbreitung des orthodoxen Weltbildes vor. Noch immer gibt es im
isrealischen Staat keine Zivilheirat. Wer sich mit einem Nichtjuden vermählen
will, muß dies im benachbarten Zypern tun. Für ein beispielloses Chaos haben
die widerstreitenden Definitionen des Judentums von Neueinwanderern gesorgt.
Während für die staatlich geregelte Einwanderung nach Israel ein jüdischer
Großelternteil ausreicht, ist für das orthodoxe Rabbinat eine jüdische Mutter
Voraussetzung. Wer die nicht vorweisen kann, bleibt - trotz israelischen Passes
- ein Bürger zweiter Klasse und wird im Todesfall außerhalb der Friedhofsmauern
beerdigt.
Nach zwei Jahren
Schinui in der Regierung hat sich daran nichts geändert. Bis zu ihrem
Regierungsaustritt blockierte die Nationalreligiöse Partei Reformen des
religiösen Status quo, auch wollte Scharon die zahlreichen traditionellen Juden
in seiner Likud-Partei nicht verprellen. Zwar verkündete Lapid: "Unsere
Wähler haben uns entsandt, um die Erpressung durch die Ultraorthodoxen zu
bekämpfen." Doch wahrscheinlich hat ein Blick auf die wenig rosigen
Umfragewerte seiner Partei ihn veranlaßt, mit seiner Partei die
Regierungskoalition zu verlassen. Jetzt kann der für seinen beißenden Spott
gefürchtete Lapid auf den Oppositionsbänken wieder angriffslustig Wahlkampf
betreiben.
Ariel Scharon
hingegen, der nichts tat, um seinen Juniorpartner zum Bleiben zu bewegen, kann
sich in Ruhe um den Koalitionsbeitritt der Arbeitspartei bemühen. Selten
dürften alle Betroffenen mit dem Zerfall einer Regierungskoalition so zufrieden
gewesen sein.
Nur die
Vissitzkys machen sich Sorgen: "Scharon wird zur Beschwichtigung des
Likud-Zentralkomitees zumindest eine orthodoxe Partei in die Regierung bringen
wollen", fürchtet Rina. "Vereinigtes Torah Judentum" hat ihren
Preis bei rund 500 Millionen Schekel festgemacht. Die sefardische Schass Partei
könnte etwas teurer kommen. "Der Traum von einem Ende der Privilegien für
Orthodoxe und einer klaren Trennung von Staat und Religion ist jedenfalls erst
mal ausgeträumt", stellt Assaf enttäuscht fest. "Hoffentlich gibt's
wenigstens Frieden."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
05.12.2004, Nr. 49 / Seite 12