Der Unabhängigkeitstag bei den Siedlern im Gazastreifen
So zelebriert ein Volk seinen Überlebenswillen. Denn wer
weiß, was nächstes Jahr sein wird.
Von Michael Borgstede
Tel Aviv/Gusch Katif. Jüdische Feiertage
beginnen abends, mit dem Sonnenuntergang. In Tel Aviv ist das eine schöne
Sache. Langsam und fast unmerklich kehrt Ruhe in die hektische Stadt und ihre
allzeit geschäftigen Bewohner ein. Schon am späten Nachmittag nimmt der Verkehr
ab, die Falafel- und Schoarma-Läden schließen etwas später. Und wenn sich
schließlich der letzte Bus dröhnend davonmacht, kann man im Zentrum Tel Avivs
sogar Vögel zwitschern hören.
Am Dienstag abend war das nicht anders. Am vierten Tag des
jüdischen Monats Iyar gedenkt die Nation jener Soldaten, die bei der
Verteidigung des Landes ihr Leben ließen. 20369 waren es seit der
Staatsgründung, im vergangenen Jahr kamen 169 hinzu. Vor einigen Jahren wurden
auch Terroropfer ins Gedenken mit eingeschlossen. Schon in den Tagen zuvor
geben sich die Medien patriotisch: Filme über die Staatsgründung, die Kriege
und die Erfolge des jüdischen Staates lösen die Holocaust-Dokumentationen ab,
die das Programm in den Tagen um den Jom HaSchoah, den Holocaustgedenktag,
bestimmt hatten. Es sei eine richtige "Gedenksaison", witzeln junge
Israelis gern respektlos, doch wenn zu Beginn des Gefallenengedenktages dann
landesweit die Sirenen ertönen, steigen auch sie aus ihren Autos und stehen
eine Minute lang gesenkten Hauptes still. Auf dem Herzl-Friedhof in Jerusalem
wird in Anwesenheit der politischen Elite mit militärischen Ehren gedacht. Am
Rabin-Platz geben Sänger ihre traurigsten Lieder zum besten. Das Fernsehen
berichtet über das Leiden der Hinterbliebenen, die Unterhaltungssender langweilen
ihr entertainmentverwöhntes Publikum für 24 Stunden mit dem Anblick einer
flackernden Kerze - kollektive Trauer.
Weil es Israel ohne den Einsatz jener getöteten Soldaten
wohl nicht mehr geben würde, beginnt der Unabhängigkeitstag noch am selben
Abend. "Im Tod verpflichten sie uns zum Leben", hat der Dichter Chaim
Bialik einmal geschrieben. Das Leben aber will zelebriert werden, deshalb
herrscht plötzlich überall Freude und Heiterkeit. Bei der offiziellen
Eröffnungsfeier geht es noch ziemlich zivilisiert zu. Symbolisch für die zwölf
Stämme Israels werden zwölf Fackeln von Repräsentanten verschiedener
Bevölkerungsgruppen entzündet, und die politische Elite schwingt schöne Reden
von Einigkeit. Auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv aber gibt es bald kein Halten mehr.
Die traurigen Liedermacher haben einer Girlie-Group Platz gemacht, die mit
arabisch inspirierter Pop-Musik zum Tanzen verführen will. Kleine Kinder mit
aufgeblasenen Plastikhämmern in den Nationalfarben schlagen unberechenbar um
sich, und frühreife Teenager versichern sich ihrer Zuneigung, indem sie sich
Rasierschaum ins Gesicht sprühen. In ganz Tel Aviv gibt es keinen Parkplatz,
dafür aber an jeder Ecke Bier und blau-weiße Fahnen. Sogar ein Feuerwerk
spendiert die Stadt. Ihre Unabhängigkeit feiern die Israelis jedes Jahr wie das
kleine Wunder, das sie ja tatsächlich ist. Auch 57 Jahre nach der
Staatsgründung ist eine unbeschwerte Feier nicht ohne massive
Sicherheitsvorkehrungen zu haben. Die Rufe nach dem Ende des Judenstaates sind
nicht verhallt. So zelebriert ein Volk seinen Überlebenswillen. Wer weiß
schließlich, was im nächsten Jahr sein wird?
Wohl niemand stellt sich diese Frage in diesem Jahr mit
mehr Grund, als es die Siedler in Gusch Katif tun. Es soll ihr letzter
Unabhängigkeitstag im Gazastreifen sein, im August will Ministerpräsident
Scharon ihre Siedlungen endgültig räumen lassen. Noch wollen die Siedler sich
nicht geschlagen geben, auch wenn längst eine Art resignierter Fatalismus um
sich greift und das Gefeilsche um die Höhe der Kompensationszahlungen offen
ausgetragen wird. "Begeht den Unabhängigkeitstag in Gusch Katif",
hatten die Siedler ihre Landsleute aufgefordert. 50000 Israelis sind der
Einladung teils aus Solidarität, teils auch einfach aus Neugier gefolgt. Die
Siedler haben ihre Dörfer auf Vordermann gebracht. Einer erzählt, er habe
gestern neue Ziegel auf sein Giebeldach gelegt. "Lohnt sich das überhaupt
noch?" will ein Besucher prompt wissen. In Kfar Darom hat man sich gar zur
Einweihung einer neuen Synagoge versammelt. Die Tatsache, daß Ariel Scharon
selbst den Eckstein zum Bau gelegt hat, wird von jedem Redner bedeutungsschwer
wiederholt, als sei daran irgendeine andere Aussage verbunden als die, daß der
Premierminister eben seine Meinung geändert hat. Vielleicht ein letztes Mal versuchen
die Siedler, im Volk um Sympathien zu werben.
"Stoppt Scharons Plan auf demokratische und
gewaltfreie Weise" steht auf Flugblättern. Der Kindergarten führt
zionistische Lieder auf: "Anachnu po" (Wir sind hier), grölt eine
Bande Dreijähriger aus vollem Halse. Dann erstürmen sie geschlossen einen
Panzer, der an der Militärparade durch den Siedlungsblock teilnimmt. Wie es in
Israel an diesem Tag unschöne Sitte ist, wird auf jeder Grünfläche fanatisch
gegrillt, sogar die Verkehrsinseln bleiben nicht verschont. Die Stimmung ist
gut, jedenfalls scheint sie so. Von der Räumung will niemand etwas wissen.
"Bis zum nächsten Jahr in Gusch Katif", heißt es zum Abschied. Man
kann sich nur wundern: Ist das Realitätsverleugnung oder wahrer Glaube, was die
Siedlergemeinschaft hier betreibt?
Auf dem Weg von Gusch Katif nach Tel Aviv, zwischen
Aschkalon und Aschdod, liegen die Nizanim- Dünen. Hierher möchten die Siedler -
wenn es soweit kommen sollte - geschlossen umgesiedelt werden. Noch läßt es
sich dort entspannt spazierengehen, der Sonnenuntergang über dem Meer
enttäuscht auch am Abend des Unabhängigkeitstages nicht. Ein älterer Herr
genießt den Anblick. "Schön hier, nicht?" sagt er leichthin.
"Ja, und so ruhig." "Sie waren heute in Gusch Katif?" fragt
er interessiert lächelnd. "Ich wohne dort. Da ist es auch schön." Aus
einer nahen Bar dringt Pop-Musik, sie übertönt das Plätschern der Wellen.
"Da war es schön, und hier wird es auch schön", sagt der Mann
bestimmt. Und während der letzte Sonnenzipfel im Meer verschwindet, zitiert er
den Prediger Salomon: "Ein jegliches hat seine Zeit: Pflanzen hat seine
Zeit und ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit."
Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung, 15.05.2005, Nr. 19 / Seite 13