Es
herrscht Krieg im Gaza-Streifen - und lähmende Langweile: Kinder spielen Krieg,
man geht baden und schmuggelt mit Waffen. Unser Autor lebte einige Tage mit
einer palästinensischen Familie in Rafah.
VON MICHAEL BORGSTEDE // RAFAH. In Rafah herrsche Krieg. Das sind
Amer Mansurs erste Worte. Er sagt sie mit der Überzeugung eines Mannes, der
weiß, was diese lapidare Feststellung für sein Leben bedeutet. Am Tag zuvor
seien bei einem israelischen Vorstoß ins Flüchtlingslager Ibna drei
Palästinenser getötet und zehn verletzt worden. Außerdem wurden bei der Suche
nach unterirdischen Schmuggeltunneln mehrere Häuser zerstört. "Und wir
waren beim Fußball", unterbricht ihn sein sieben Jahre alter Sohn
Mohammed. Leider habe das heimische Team 2:3 verloren. "Und das
ausgerechnet gegen Schagia!" empört sich Mohammed. Sein Vater lächelt. Es
herrsche zwar Krieg. "Doch irgendwie müssen wir trotzdem
weiterleben." Das Abendessen ist vorbei. Zur Begrüßung des Gastes hat
Amers Frau, Saba, ein Festmahl vorbereitet. Während sie arabischen Kaffee
serviert, erzählt Amer die Geschichte seiner Heimatstadt. 1945 hätten in Rafah
nur 2500 Menschen gelebt. Darunter auch seine Vorfahren. Darauf ist er stolz,
schließlich gehört er nicht zu den Nachkommen der 40 000 palästinensischen
Flüchtlinge, die sich hier nach dem Krieg von 1948 in provisorischen
Unterkünften niederließen und von denen er mit unterdrückter Verachtung
spricht. Ihre Zahl belaufe sich mittlerweile auf 90 000. Der Großteil lebe in
Armut im zweitgrößten Flüchtlingslager des Gaza-Streifens. Im Vergleich dazu
geht es Amer und Saba Mansur mit ihren fünf Kindern ziemlich gut. Bis zum
Ausbruch der Intifada arbeitete Amer als Ingenieur in Gaza-Stadt, dann wurde er
wegen Auftragsmangel entlassen. Die hübsche Vierzimmerwohnung im alten Zentrum
Rafahs hat er noch erworben, als man ihn der aufstrebenden palästinensischen
Mittelklasse zurechnen konnte. Heute sitzt Amer mit seinen Nachbarn täglich vor
dem Haus, trinkt starken Kaffee, raucht Wasserpfeife, spielt Backgammon. Für
den Lebensunterhalt der Familie sorgt der älteste Sohn Niam, der für einen
Sicherheitsdienst der Autonomiebehörde arbeitet. Im Hintergrund laufen im
Fernsehen die Abendnachrichten. Mohammed setzt sich aufrecht auf eines der bestickten
Kissen. Mit dem offiziösen Nimbus eines Nachrichtensprechers verkündet er:
"Okkupationstruppen ermordeten am frühen Nachmittag drei weitere Märtyrer
unseres Volkes." Den Beifall der amüsierten Anwesenden übertönt ein:
"Bum, ich bin tot!" Mohammeds jüngere Schwester Hanin wirft sich auf
den Boden. Sie kneift die Augen zusammen, als ihr Vater sie an den Füßen
kitzelt. "Siehst du, es herrscht Krieg. Auch im Wohnzimmer", sagt
Amer. "Aber jetzt gehen die Märtyrer ins Bett." Die beiden Töchter
müssen für den Gast ihr Zimmer räumen. Sie holen noch schnell ihre Puppen und
einige Bilderbücher. Die blau gestrichene Decke ist mit glitzernden Sternen
beklebt. "Es sind mehr als hundert", erzählt die neun Jahre alte
Jusra stolz. Wenn das Maschinengewehrfeuer sie am Einschlafen hindere, zähle
sie die Sterne an ihrem Kinderzimmerhimmel, sagt sie. Auch diese Nacht wird
unruhig. Erst hallen Maschinengewehrsalven durch die Nacht. Wenig später folgen
zwei laute Explosionen. Amer kommt kurz vorbei, es sei alles in Ordnung.
Ein Tag
in Rafah genügt, um festzustellen, daß das hervorstechendste Merkmal des
Alltags eine lähmende Langeweile ist. Umzingelt von Grenzen, Siedlungen und
Panzern, gibt es wenig Fluchtmöglichkeiten. Die Wirtschaft im Gaza-Streifen ist
kollabiert, in Rafah sind achtzig Prozent der Einwohner arbeitslos. Unzählige
Kinder spielen auf der Straße, ihre Väter schauen teilnahmslos zu. Saba hat
ihre drei Kleinen in ein Ferienlager geschickt - "damit sie nicht auf
dumme Gedanken kommen". Sie macht sich große Sorgen, die
Hoffnungslosigkeit könne ihre Kinder den "Widerstandskämpfern" in die
Hände treiben. Auch weil deren Ferienaktivitäten gerade für kleine Jungen
attraktiv sind. "Gestern kam Mohammed nach Hause und wollte nächstes Jahr
in ein Ferienlager, wo man Schießen lernt." Heute kommt der Bub jedoch
vergnügt zurück. Der Lehrer habe ihnen gezeigt, wie man aus Müll einen Drachen
baut, "der wirklich fliegt". Als sie auf der Straße dann "Juden
gegen Araber" spielten, wollte Mohammed gern zu den Juden gehören.
"Sie ließen mich aber nicht", beschwert er sich. Warum? "Ich bin
zu klein und zu schwach." Der Siebenjährige hält sich verlegen ein Kissen
vors Gesicht.
Am
Freitag morgen kommen Mohammed und Jusra begeistert ins Zimmer gerannt. Die
kleine Hanin stolpert hinterdrein. "Wir fahren ans Meer", kreischen
sie. "Das Meer ist sehr weit weg", beanstandet Hanin. Das stimmt
nicht ganz. Eigentlich ist Rafah von der Küste nur fünf Kilometer entfernt,
eine Hauptstraße heißt noch immer "Seestraße", weil sie einst direkt
an den Strand führte. Doch zwischen Rafah und dem Mittelmeer liegt heute Gush
Katif, der israelische Siedlungsblock im Gaza-Streifen. Erst einige Kilometer
nördlich von Gush Katif ist Palästinensern aus dem südlichen Teil des
Gaza-Streifens der Zugang zum Meer möglich. Mutter Saba singt mit den Kindern
laut arabische Kinderlieder. Doch dann bleibt das Auto stehen. "Ruhe
jetzt." Amer klingt nervös: "Alle benehmen sich ordentlich, wir sind
am Checkpoint." Auf der Straße herrscht hektische Geschäftigkeit.
"Falafel, Eiscreme, Schokolade, gekühlte Getränke", preist ein Mann
seine Waren an. "Wie lange dauert's heute?" fragt Amer. Der Verkäufer
zuckt die Schultern. "Keine Ahnung. Im Moment bewegt sich nichts."
Ihn stört das nicht, im Gegenteil. An Tagen, an denen sich die Autos am Abu
Holi . Checkpoint stundenlang stauen, verkaufe er bis zu 800 Falafelbrote - für
20 Cent pro Stück. Das ist im Gaza-Streifen ein kleines Vermögen. "Aus
persönlichen Gründen habe ich mit dem geplanten Abzug der Israelis deshalb so
meine Probleme", sagt er. Ein kleiner Junge schleppt schwer an einer
Teekanne, andere rennen von Auto zu Auto und bieten ihre Dienste als Mitfahrer
an. Um das Risiko von Selbstmordattentaten zu minimieren, läßt die Armee nur
Fahrzeuge mit mehr als drei Insassen passieren. Wer allein unterwegs ist, kann
sich für ein geringes Entgelt die geforderten Mitfahrer mieten. Nach mehr als
einer Dreiviertelstunde Wartezeit ist der Checkpoint offen, in der Ferne winkt
ein Soldat die Autos durch. Manchmal entwickeln sich hitzige Diskussionen,
einige Wagen werden gründlich durchsucht. Der Fahrer eines rostigen Autos ohne
Beifahrertür hat auf seiner Rückbank drei Ziegen, kann deshalb die
obligatorischen Mitfahrer nicht unterbringen. "Meine Ziegen sind mehr wert
als fremde Kinder", stellt er auf arabisch fest. "Ich wäre ja
wahnsinnig, wenn ich die in die Luft jagen würde." Der Soldat bedeutet ihm
dennoch, zurückzufahren. Die Stimmung heizt sich auf, der Palästinenser hinter
dem Steuer stößt böse Flüche auf arabisch aus: "Kus emek" - die Fotze
deiner Mutter. Der Soldat erwidert: "Kus mahrt abuk" - die Fotze der
Frau deines Vaters. Eine Schimpferei sondergleichen beginnt, auf diesem Gebiet
verstehen sich die zwei. Flüche haben die Juden bei der Wiederbelebung des
biblischen Hebräisch aus dem Fundus ihrer arabischen Nachbarn übernommen. Nach
fast drei Stunden können die Kinder endlich ins Meer springen. Amer spielt mit
Mohammed vergnügt Fußball, und sogar Saba hat sich - vollständig bekleidet
natürlich - zur Erfrischung ins knietiefe Wasser gesetzt. Für einige Stunden
kehrt Normalität ein. Die Rückfahrt verläuft ereignislos, daheim fallen die
Kinder todmüde ins Bett. Die Maschinengewehre und Panzer schweigen. Im Hause
Mansur hoffen alle auf eine ruhige Nacht.
Plötzlich
steht jemand neben dem Bett. "Ich bin's, Niam", flüstert der älteste
Sohn. Er ist vollständig angekleidet, trägt aber nicht die Uniform der
palästinensischen Sicherheitskräfte. "Komm, ich zeige dir was", sagt
er. Die Straßen sind wie leergefegt, es geht durch ein Labyrinth stinkender
Gassen Richtung Grenze. Die Gegend wird ärmlicher. Katzen wühlen in den
Müllhaufen, die Hauswände sind mit Graffiti besprüht. Niam hat es eilig. Neben
einer Trümmerhalde klopft er an eine Tür. Drinnen stehen ein paar Männer um ein
Loch im Fußboden. Einen Schrank haben sie an die Seite gerückt. Hier werden
also Waffen von Ägypten in den Gaza-Streifen geschmuggelt? Ein Blick in den
Tunnel ist erlaubt, "aber keine Fotos", bestimmt ein bärtiger Mann.
An seinem Handgelenk glitzert eine elegante Armbanduhr. Der Tunnel ist tief und
innen beleuchtet, die Öffnung aber schmal. Ein Erwachsener könnte sich kaum
hindurchzwängen. Was drinnen passiert, ist nicht zu erkennen, die Männer
beantworten keine Fragen. Neben der Öffnung stehen einige Kisten. Sind das Waffen?
Der Bärtige nickt Niam ermunternd zu. "Nein", sagt er, "das ist
Munition." "Für deinen Sicherheitsdienst?" Er lacht.
"Natürlich nicht. Für den, der am meisten zahlt." Die Tunnel seien
meist als Familienunternehmen entstanden, die jeder mieten könne. "Momentan
bieten Waffen und Munition die höchsten Profite. Früher wurden auch Drogen,
Alkohol und Zigaretten geschmuggelt." Er sei in das Geschäft wegen seiner
Position beim Sicherheitsdienst geraten. Ob die Gerüchte stimmen, daß Jassir
Arafats Neffe, Mussa, tief in das Schmuggeln verstrickt sei? Dazu will er
nichts sagen. War der heutige Einsatz geplant? "Nein. Gestern haben die
Israelis einen Tunnel entdeckt, und sie vermuten noch weitere in der Gegend.
Dies ist ein neuer Eingang zu einem alten Tunnel, es ist nur eine Frage der
Zeit, bis sie uns entdecken." Die letzte Kiste wird gerade nach oben
gehievt, als draußen ein Höllenlärm losbricht. Es ist das allnächtliche
Maschinengewehrfeuer, doch diesmal sind wir mittendrin. Niam und seine Kollegen
bleiben ruhig. "Leg dich hin und versuche zu schlafen", befiehlt er.
"Hier können wir jetzt eh nicht weg." An Schlaf ist nicht zu denken.
"Sollen wir dir lieber ein Gewehr geben, damit du mitmachen kannst?"
fragt er lachend. Aus einem Zimmer dringt Kindergeheul. "Warum schießen
sie soviel?" "Wer weiß?" fragt jemand zurück. "Vielleicht
weil sich unsere Kämpfer irgendwo versteckt halten. Vielleicht haben sie aber
auch nur Langeweile. Oder Angst. Ist dir aufgefallen, daß du nie Soldaten
außerhalb der Panzer und Bulldozer siehst? Sie haben Angst, und dann schießen
sie." Er hat recht. In Rafa hat der Feind kein Gesicht. Die Panzer in
ihrer metallenen Anonymität sind alles, was man hier von "den Juden"
zu sehen bekommt. Im Morgengrauen mahnt Niam zum Aufbruch. Weit hinten ist die
stählerne Grenzbefestigung zu Ägypten zu erkennen. Ein Panzer fährt die
Philadelphi-Straße hinauf, zwei Planierraupen stehen unter einem Wachturm. Die
Häuser weisen so viele Einschußlöcher auf, daß ihre Wände wie ein schwammiges
Korallenriff aussehen.
Ayman, sein Bruder, ist 18 Jahre alt und ein
"ruhiges Kind", wie sein Vater sagt. Er arbeitet als freiwilliger
Helfer im Abu-Yosef-Al-Najar-Krankenhaus. Fünfzig Betten für 160 000 Einwohner,
zwei Operationstische, keine Intensivstation und kein modernes Gerät - selbst
in Friedenszeiten bliebe die medizinische Versorgung unzureichend, meint der
Chefarzt, Ali Mussa. An den Wänden des Flurs hängen die Märtyrerposter
getöteter ehemaliger Mitarbeiter oder Patienten. Ayman ist nicht gesprächig.
Als er eine Metalltür öffnet, strömt erfrischend kühle Luft heraus. Dort, in
einem nagelneuen Kühlraum, liegt die zwölf Jahre alte Iman Barhum. Eine Woche
haben die Ärzte um ihr Leben gekämpft, vergeblich. Getötet wurde sie auf der
Veranda ihres Elternhauses. "Ein bedauerliches Unglück", sagt die
israelische Armee. "Ein kaltblütiger Mord", meint Ayman. "Schau
sie dir an", sagt er. "Dafür hasse ich sie." "Wen? Die
Israelis?" "Die Juden." Er setzt sich auf einen Stuhl neben die
Tote. "Sie wollen uns ausrotten, uns vertreiben und unser Leben zur Hölle
machen." "Die Juden denken, ihr wollt sie vertreiben." "Wie
denn? Ohne Waffen? Und wer wäre dazu in der Lage?" Er redet sich in Rage.
"Mein lieber Bruder und seine korrupten Polizeikollegen? Mein verweichlichter
Vater?" "Dein Vater will
Frieden . . ." Ayman hebt die Faust, als wolle er jemanden schlagen.
"Mein Vater ist ein Niemand, ein Versager. Er kann nicht mal seine Familie
ernähren." Er holt tief Luft, dann bricht es aus ihm heraus: "Ich an
seiner Stelle würde mich umbringen." "Und du?" "Ich bin
keiner von denen, die unbedingt sterben wollen", sagt Ayman. "Ich
liebe den Tod nicht. Aber mein Leben liebe ich auch nicht." Er schweigt.
"Geh ruhig, ich habe wirklich nichts mehr zu sagen." Als er sich ein
letztes Mal an den Besucher wendet, blitzen seine Augen haßerfüllt. Es ist ein
Haß, der sich aus Verzweiflung nährt. "Du hast es gut", zischt er.
"Du bist morgen wieder draußen. Ich sitze hier fest. Mein Leben lang. Und
nichts wird sich je ändern. Gar nichts."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.09.2004,
Nr. 36 / Seite 8