Vereint hinterm Zaun
Auch Israels Linke schweigt
Von Michael Borgstede
Jerusalem.
Langsam setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Juval Bakiki verteilt
noch schnell einige Zwiebeln. "Die sind gut gegen das Tränengas. Gleich,
wenn wir um die Ecke biegen, geht's nämlich los." Juval muß es wissen. Der
Israeli gehört zur Gruppe "Anarchisten gegen die Mauer" und
demonstriert seit einem halben Jahr in verschiedenen Orten des Westjordanlandes
fast täglich gegen den Sperrwall, der Israelis vor Selbstmordattentätern
schützen soll und den Juval haßerfüllt die "Apartheidmauer" nennt. In
den vorderen Reihen verhüllen die tonangebenden Fatah-Mitglieder jetzt ihre
Gesichter, einige Frauen nehmen ihre Kinder an die Hand. Ein Fotograf mit Helm
und schußsicherer Weste positioniert sich neben den bereitstehenden
Krankenwagen. Plötzlich ist Geschrei zu hören, die Soldaten haben die ersten
Tränengaspatronen abgefeuert, und die Menge ergreift die Flucht. Der Fotograf
knipst munter vor sich hin. "Das war's", verkündet Juval das Ende der
Demonstration. Wie eine gut geprobte Inszenierung ist sie abgelaufen. Der
Fotograf packt seine Sachen ein.
Da die Armee
keine Gummigeschosse eingesetzt hat, werden die Krankenwagen dieses Mal nicht
benötigt. Nur ein hustender alter Mann wird von zwei Sanitätern behandelt.
"Wenn's Verletzte gibt, kommen wir ins Fernsehen", sagt Juval.
"Aber seit zwei demonstrierende Israelis von Soldaten angeschossen wurden,
setzt die Armee scharfe Munition vorsichtiger ein als bei rein palästinensischen
Demos." Mit seinem Rauschebart, dem ungebändigten Haupthaar und den
bekleckerten Khaki-Hosen sieht er so aus, wie man sich einen Anarchisten schon
immer vorgestellt hat. Er redet sich in Rage: Die "Apartheidmauer"
sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und müsse abgerissen werden. Die
Israelis würden moralisch verlottern, es gebe längst keinen Unterschied mehr
zwischen links und rechts, alle seien für die Mauer - und gestritten werde nur
darüber, wieviel Land man den Palästinensern im ersten Anlauf stehlen könne. Er
jedenfalls sei dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag für dessen Urteil
dankbar und hoffe, es werde Israel wachrütteln.
Die Chancen
dafür stehen schlecht. Quer durch das politische Spektrum in Israel wurde die
Ansicht der Richter als parteiisch und ungerecht empfunden. Während die Rechten
einen weltweiten Antizionismus und Antisemitismus für das israelkritische
Urteil verantwortlich machten, suchten die Linken die Schuld bei der Regierung
Scharon. "Wäre der Zaun in einer anderen Form gebaut worden, hätte es nie
zu dieser Aussprache kommen können", monierte der Meretz-Politiker Jossi
Sarid. Vor allem aber irritierte die Israelis die Weigerung der Richter, die
israelischen Sicherheitsbedürfnisse auch nur anzuerkennen. In der 66 Seiten
langen Begründung bezweifeln die Richter das Recht Israels auf
Selbstverteidigung und bestreiten deshalb die Notwendigkeit einer Sperranlage.
Das Wort "Terror" findet sich nur in Zitaten der israelischen
Regierung. Die Richter machen sich sogar die palästinensische Terminologie zu
eigen und sprechen vom "Bau einer Mauer", wiewohl nur sieben Prozent
der Sperranlage wirklich ein Betonwall ist.
Durchdachter
fiel dagegen das Urteil des obersten israelischen Gerichtes vom 30. Juni aus.
Den grundsätzlichen Einwänden der palästinensischen Kläger gegen die
Sperranlage folgten die Richter nicht, sie entschieden aber, daß zwischen
israelischen Sicherbedürfnissen und "humanitären Erfordernissen" der
Palästinenser ein angemessenes Verhältnis bestehen müsse. Längs eines Abschnitts
von rund dreißig Kilometern im Norden Jerusalems muß die Anlage deshalb verlegt
werden. Obwohl rechte Kabinettsmitglieder Zeter und Mordio schrieen und in der
Knesset ein Ausnahmegesetz forderten, kündigte Ministerpräsident Scharon an,
dem Urteil Folge leisten zu wollen. So wurde der Präzedenzfall zu einem
Lehrstück in Sachen Gewaltenteilung.
Die Richter in
Den Haag hingegen haben gezeigt, wie man es schafft, die israelische
Öffentlichkeit im Widerstand gegen eine ihr feindlich gesinnte Außenwelt zu
vereinen. Denn das Recht auf Selbstverteidigung sprechen auch Israels Linke
ihrem Staat nicht ab. Eigentlich war der Bau eines Trennungszauns zum
Westjordanland sogar ihre Idee. Noch zu Zeiten der ersten großen Koalition
wollte Haim Ramon seiner Arbeitspartei wieder zu einem eigenen Profil verhelfen
und gleichzeitig dem damaligen Parteivorsitzenden Benjamin Ben Elieser die
Vormachtstellung streitig machen. Er präsentierte im April 2002 also seinen
Plan eines einseitigen Rückzuges, der von Siedlungsräumungen im Gaza-Streifen
und dem Bau eines Trennzauns begleitet werden sollte. Diese Idee sei
"wahlkämpferisches Gold", versprach er seinen Parteikollegen. Man
müsse nur "zupacken und es aufheben". 74 Prozent der Israelis
unterstützten das Vorhaben damals. Mittlerweile sind es mehr als 80 Prozent -
von einem Haim Ramon aber hört man nichts mehr.
Wer schließlich
zupackte, war Ariel Scharon. Ursprünglich ein Gegner der Pläne, mußte er
einsehen, daß seine ständigen Militäraktionen auf palästinensischem Gebiet dem
Terror keineswegs ein Ende bereiten konnten. So sprach auch er sich für den
Zaun aus. Um den größten Teil der jüdischen Siedlungen der israelischen Seite
zuzuordnen (und um die mögliche künftige Grenze des Landes zu markieren), legte
er ihn über weite Strecken kurzerhand auf palästinensisches Gebiet und
zerteilte Dörfer, versperrte Bauern den Zugang zu ihren Feldern oder ummauerte
eine ganze Stadt wie Kalkilia.
So hatten die
Linken sich das mit ihrem Zaun nicht vorgestellt. Trotzdem halten sie sich nun
mit allzu deutlicher Kritik zurück. Mosi Ras, der ehemalige Generalsekretär der
Friedensorganisation "Schalom Achschw" (Frieden jetzt) und ehemalige
Meretz-Abgeordnete, kritisiert zwar den Verlauf, sieht in dem Zaun aber auch
eine Chance. "Auch an der Grenze zu Jordanien hatten wir erst einen Zaun,
und nun haben wir ein Friedensabkommen mit Amman. Warum sollte dasselbe mit den
Palästinensern nicht möglich sein?" fragt er.
Es fällt der
Opposition schwer, sich von der Regierungspolitik abzugrenzen. Scharons Adaption
der traditionell linken Idee einer Zweistaatenlösung hat zu einer Nivellierung
der programmatischen Unterschiede geführt. Über das Ausmaß des Rückzugs aus
Gaza und dessen Timing läßt sich noch streiten, dagegen sein will unter den
Linken aber niemand. Jachad-Parteichef Jossi Beilin sagt: "Scharon sieht
es als Ende des Weges, während dieser Rückzug für uns nur den Anfang
darstellt." Und Jossi Sarid, Mitglied der Meretz-Fraktion in der Knesset,
kündigte an, "jeden Rückzug" unterstützen zu wollen. Auch, wenn es
sich nur um "einen einzigen Hühnerstall in einer verlassenen
Gaza-Siedlung" handle. Unter diesen Umständen wundert es nicht, daß große
Teile der Arbeitspartei glauben, ihr Heil läge in einer großen Koalition mit
der Likud-Partei.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
18.07.2004, Nr. 29 / Seite 7