"Wenn Arafat stirbt, beginnen wir bei Null"
Einen Nachfolger hat der Palästinenserführer nicht herangezogen. Wird die junge Garde gegenüber den alten Funktionären stillhalten?

Von Michael Borgstede
Ramallah. Jassir Arafats Zustand ist ernst. Das wohl eindeutigste Zeichen dafür waren die Fotos, die sein Büro am Donnerstag abend veröffentlichte. Nur mit einem schlabberigen blauen Trainingsanzug und einer zu großen Wollmütze bekleidet, sitzt ein milde lächelnder Arafat händchenhaltend im Kreise seiner Ärzte. Der große Revolutionsführer als Oberschlumpf - wäre Arafat bei klarem Verstand, hätten diese Bilder niemals das Licht der Öffentlichkeit erblickt.
Es ist sieben Uhr in der Früh und kühl in Ramallah. Die Luft ist erfüllt vom magischen Geruch des ersten Regenschauers dieses Jahres, der den trockenen Staub der heißen Sommermonate von den Blättern der Bäume gewaschen hat. Die frierenden Journalisten im Vorhof der Muqata haben dafür keinen Sinn. "Warum stirbt der Alte nicht endlich?" hat ein amerikanischer Kameramann noch vor einer halben Stunde ungehalten gefragt. Neben den Mediakohorten haben sich einige hundert Palästinenser eingefunden. Es ist ein bewegendes Schauspiel, als der schwächliche alte Mann, gestützt von zwei Beratern, den jordanischen Armeehubschrauber betritt, sich noch einmal umdreht und seinen aufgeregten Anhängern Kußhändchen zuwirft. "Abu Amr, Abu Amr!" skandieren sie begeistert seinen "nom de guerre".  
Und doch, die ekstatischen Menschenmengen, die ihn nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1995 in Ramallah begrüßten, erscheinen diesmal nicht. Arafats Popularität hat unter den Skandalen der vergangenen Monate gelitten. In geradezu sonnenköniglicher Allmacht hat der Präsident jahrelang die durchaus demokratisch angelegten Strukturen der Palästinenserbehörde unterlaufen. Mit Geldgeschenken erkaufte er Loyalitäten, förderte Vertraute und verstieß sie wieder, sobald er sie als Konkurrenten um seine Macht wahrnahm. Über ein Dutzend Sicherheitsdienste operieren in den besetzten Gebieten. Sie beziehen ihre Befehle direkt von Arafat. Der blüht inmitten des Chaos auf, die Treue zu ihm ist längst das einzige verbindende Element vieler palästinensischer Gruppierungen.  
Dabei nimmt seine Selbststilisierung bisweilen groteske Ausmaße an. Er sieht sich als Revolutionär, eine Art nahöstlicher Che Guevara. Seine sorgfältig gefaltete Keffije hat die Form der besetzten Gebiete (einschließlich des heutigen Israel natürlich), und seine Phantasieuniform legte "General Arafat" auch zur Unterzeichnung von Friedensabkommen nicht ab. So blieb der Wandel zum Staatsmann immer halbherzig. Eine eindeutige Unterstützung terroristischer Aktivitäten konnte dem Friedensnobelpreisträger Arafat in den vergangenen Jahren zwar nicht nachgewiesen werden, doch war sein Umgang mit den palästinensischen Terrororganisationen von verdächtig wohlwollender Nachgiebigkeit geprägt.
Einen Erben oder Nachfolger hat er nicht herangezogen. Seine Herrschaft war auf die Ewigkeit ausgelegt. Für viele Palästinenser ist eine Zeit nach Arafat deshalb kaum vorstellbar: "Wenn Arafat stirbt, beginnen wir wieder bei Null. Alles, was wir erreicht haben, alles, was die Welt heute über uns weiß, haben wir dem Rais zu verdanken", sagt Rami Farkasch, ein Taxifahrer, der vor der Muqata auf Kunden wartet. "Niemand kann Arafat ersetzen."  
Weltweit wird in diesen Tagen wild spekuliert, wer oder was auf Arafat folgen wird. Das Szenario eines blutigen Bürgerkrieges erfreut sich bei den Nahostfachleuten und Kommentatoren dabei großer Beliebtheit. Die Wahrheit ist weniger spektakulär: Weder der israelische Geheimdienst noch die verwirrte Palästinenserführung wissen, was die nächsten Wochen bringen werden. Wird Arafat erfolgreich behandelt und kehrt gesund aus Paris zurück, gab es viel Lärm um nichts. Dann nimmt alles seinen gewohnten Gang. Stabilisiert sich seine Gesundheit auf niedrigem Niveau, wird er bis zum letzten Atemzug von seinem Pariser Krankenbett intrigieren. Der Kampf um die Nachfolge jedenfalls wird erst dann offen ausbrechen, wenn Arafats Schicksal endgültig besiegelt ist.
Drei wichtige Ämter hat Arafat inne: Er ist Vorsitzender der PLO und der Fatah-Partei sowie Präsident der Autonomiebehörde. Letzteres Amt fiele nach dem palästinensischen Grundgesetz für 60 Tage dem Sprecher des Autonomierates, des Parlaments, zu. Rawhi Fatuh aber ist ein unbekannter Hinterbänkler, der dem Job nicht gewachsen wäre und ihn nach eigenem Bekunden auch gar nicht will. Deshalb soll Mahmud Abbas, der glücklose Vorgänger von Ministerpräsident Qurei, vorübergehend Arafats Ämter übernehmen. Auch in der PLO ist Abbas als Generalsekretär des Aktionskomitees der ranghöchste Vertreter nach Arafat. Und in der Fatah, mit der Abbas sich während seiner Zeit als Ministerpräsident überworfen hatte, könnte man sich auf den wenig spektakulären Architekten der Osloer Verträge einigen.  
Ist die Nachfolgefrage damit erledigt? Wohl kaum. Abbas ist ein Bürokrat mit dem Charisma eines Steuerberaters. Er verfügt über keine Machtbasis in der Bevölkerung. Auf der palästinensischen Straße machen ihn schon seine teuren italienischen Designeranzüge suspekt. Arafat war für die Israelis kein angenehmer Gesprächspartner, aber er hätte über das notwendige Prestige verfügt, seinem Volk auch einen unangenehmen Frieden zu verkaufen.
Nur Neuwahlen könnten eine Nachfolgeregierung ausreichend legitimieren, den Friedensprozeß wiederaufzunehmen. Doch wird sich die Fatah geschlossen hinter Qurei und Abbas stellen? Werden die Vertreter der jungen Garde wie Mohammed Dahlan, Dschibil Radschub, Tawfik Tirawi und Mohammed al Hindi gegenüber den alten Vertrauten Arafats stillhalten? Oder wird Dahlan dem verhaßten Radschub seine Schlägertrupps an den Hals schicken? Wird der populäre Marwan Barguti kandidieren? Er hätte die besten Chancen, die Wahl zu gewinnen, doch verbüßt der "Ingenieur der Intifada" gerade eine fünffach lebenslängliche Gefängnisstrafe in Israel.  
Auf wessen Seite werden sich die zahllosen Geheimdienste schlagen? Und was ist mit den Islamisten? Die Hamas hat wiederholt angekündigt, sich an den nächsten Wahlen beteiligen zu wollen. Nur hat die Organisation in den vergangenen Monaten alle ihre Führungspersönlichkeiten beerdigen müssen. Sie könnten sich mit dem radikalen Flügel der Fatah verbünden und so deren politische Vorherrschaft zumindest im Gaza-Streifen auf demokratischem Wege beenden. Eine Regierung unter Einbeziehung der Hamas wiederum würde zwar die nationale Einheit sichern, gleichzeitig aber Friedensverhandlungen mit Israel unmöglich machen.
Israel tut vor allem gut daran, sich aus den palästinensischen Angelegenheiten herauszuhalten und keinen Kandidaten zu favorisieren. Angesichts der aktuellen Stimmung in den besetzten Gebieten käme ein gutes Wort aus Israel oder Amerika dem Todesstoß für jeden Kandidaten gleich. Und so ist zumindest bis zur Wahl auch von keinem Kandidaten verbale Mäßigung zu erwarten. Wer nicht gegen die verhaßten Besatzer wettert, macht sich der Kooperation mit dem Feind verdächtig.
Für Ministerpräsident Ariel Scharon kommt Arafats Krankheit denkbar ungelegen. Gerade hatte der Regierungschef mit Ach und Krach seinen Rückzugsplan aus dem Gaza-Streifen durch die Knesset gepeitscht, da machte Arafat ihm einmal mehr einen Strich durch die Rechnung. Die bislang einleuchtende Begründung für einen einseitigen Rückzug, auf palästinensischer Seite gebe es keinen ernstzunehmenden Verhandlungspartner, wirkte mit einem Mal erheblich weniger überzeugend. Schon werden in Israel die Forderungen nach einer sofortigen Aufnahme von Verhandlungen mit den Palästinensern lauter. Die Rufe stammen zuvorderst aus dem Lager der Opposition, die endlich eine Chance sieht, sich von der Regierungspolitik abzugrenzen. In den Chor stimmen ausgerechnet die rechten Scharfmacher aus Scharons Likud-Partei ein. Ihnen ist jedes Mittel recht, die geplanten Siedlungsräumungen zu verzögern.
Diese unheilige Allianz könnte für Scharon böse Folgen haben. Sollte er für das Siedler-Entschädigungsgesetz und den Haushaltsplan in der nächsten Woche keine parlamentarische Mehrheit finden, führt an Neuwahlen kein Weg vorbei. Dann wäre wieder alles offen. Benjamin Netanjahu könnte Scharon die Nominierung seiner Partei streitig machen und angesichts anarchischer Zustände bei den Palästinensern die Wahlen gewinnen. Oder Schimon Peres' Arbeitspartei gelingt es, die Israelis vom Friedenswillen einer neuen Palästinenserführung zu überzeugen. Arafat hat unfreiwillig eine Dynamik in Gang gesetzt, deren Ergebnis nicht abzusehen ist.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.10.2004, Nr. 44 / Seite 3