Wo der Irak beginnt
Spurensuche in der Wüste: Von Syrien kommen Waffen und kampfbereite Islamisten über die lange Grenze. Die Polizei hilft ordentlich mit.

 

Von Michael Borgstede


Abu Kamal. Herr Slaibi ist vorsichtig geworden. Zwei bewaffnete Leibwächter stehen vor dem Eingang seiner Villa in einem Damaszener Nobelviertel. In fellgepolsterten Schlappen kommt er seinem Besucher auf dem Marmorboden entgegengerutscht. "Herzlich willkommen, und entschuldigen Sie die Sicherheitsvorkehrungen. Man weiß heutzutage nie ..." Herr Slaibi hat allen Grund zu Vorsicht: Im irakischen Mossul war er lange ein gefürchteter Geheimdienstoffizier. Gegen Kriegsende machte er sich in Richtung Syrien davon, einen Haufen Geld im Gepäck.
Über seine Vergangenheit will er nicht sprechen. "Reden wir lieber über die Gegenwart. Diese amerikanische Marionettenregierung wird nicht lange währen." Das irakische Volk werde seinen Kampf gegen die Besatzer unbeirrt fortsetzen. Und er, Slaibi, leite diesen "heldenhaften Widerstand" aus dem Exil. "Man tut, was man kann", gibt er sich bescheiden. Dann gerät er ins Schwärmen: "Wir haben in allen Nachbarländern eine Infrastruktur zur Unterstützung der Kämpfer aufgebaut." Aus Syrien, Jordanien, Iran - von überall her kämen Waffen, Geld und Menschen in den Irak. "Junge Männer aus der ganzen arabischen Welt warten darauf, den imperialistischen Eindringlingen eine Lektion zu erteilen." Herr Slaibi ist stolz. Wenn er von gelungenen Anschlägen auf amerikanische Ziele in Bagdad spricht, leuchten seine Augen.

Aber wie steht die syrische Regierung dazu? Herr Slaibi zögert. Die Frage ist ihm unangenehm: "Nun ja", beginnt er langsam. Früher, da habe man sich auf die Syrer verlassen können. Aber mittlerweile unternehme die syrische Regierung wenig, um den Kämpfern zu helfen.

Die amerikanische Regierung sieht das anders. Wiederholt hat Präsident Bush die Regierung in Damaskus aufgefordert, aus dem Irak geflüchtete Baathisten festzunehmen und die Grenze zum östlichen Nachbarn besser zu überwachen. Doch ist die syrische Regierung wirklich in die Terrorakte im Nachbarland verstrickt? Ein europäischer Diplomat in Damaskus hat Zweifel: "Die Beweislage ist äußerst dünn. Ein GPS-System mit syrischen Koordinaten und eine obskure Namenliste haben die Amerikaner in Falludscha gefunden. Dann war von einem Foto die Rede, auf dem syrische Regierungsbeamte mit dem Führer der irakischen Terrororganisation ,Jaisch Mohammed' abgebildet sein sollten." Das Foto sei jedoch bis heute nicht veröffentlicht worden. Außerdem hätten sowohl die Amerikaner als auch die Iraker und die in Amerika beheimatete oppositionelle syrische Reformpartei ein Interesse daran, Syrien zum Zentrum des Bösen zu machen. In Wirklichkeit sei es wohl einfach so, daß die linke Hand des unübersichtlichen Geheimdienstapparates oft nicht wisse, was die rechte tue. Dennoch: "Wer etwas über die Grenze bringen möchte, seien es Menschen, Waffen oder Geld, der schafft das auch." Von einem großangelegten Schmuggelwesen könne aber kaum die Rede sein. Nur etwa 200 ausländische Kämpfer seien im Irak bisher festgenommen worden.

Die Stadt Hama liegt etwa 200 Kilometer nördlich von Damaskus. Schlangenförmig zieht sich der Orontes-Fluß durch die Stadt. "Hama ist berühmt für seine riesigen hölzernen Wasserräder" - so steht es auf der Website des syrischen Tourismusministeriums. Bei vielen Syrern weckt der Name Hama allerdings andere Assoziationen. Hier, in einem jahrhundertealten Zentrum des konservativen Islams, wurde 1982 ein Aufstand der verbotenen Muslimbruderschaft blutig niedergeschlagen. Tausende wurden von Planierraupen in ihren Häusern getötet, noch Tage nach dem Massaker waren die Straßen blutgetränkt. Präsident Hafiz Assad wollte den islamistischen Widerstand gegen seine Regierung endgültig brechen.

Heute erlebt der Islam in Hama eine Renaissance: Als in seiner Moschee zum Heiligen Krieg gegen die Amerikaner aufgerufen wurde, beschloß Chalim, 21 Jahre jung und begeistert, gemeinsam mit einem Freund über die Grenze in den Krieg zu ziehen. Die mutigen Prediger, erzählt er, seien kurz nach ihrem Aufruf von der Geheimpolizei verhaftet worden. Doch dann starb Chalims Vater, und er mußte zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern. Seine Freunde schimpften ihn einen Feigling. Manchmal bereue er seine Entscheidung, dann habe er das Gefühl zu ersticken. "Dschihad ist unser Sauerstoff. Ohne Dschihad gibt es kein Leben", erklärt er. Widerstand gegen die Besatzer sei legitim und notwendig, jeder amerikanische Soldat im Irak dürfe getötet werden.

Aber kommen bei den meisten Anschlägen nicht Iraker ums Leben? Chalim ist entrüstet. Das seien doch keine Aktionen der Mudschahedin! "Die Juden und die Amerikaner stecken hinter diesen Anschlägen. Genau wie damals in New York." Er kramt eine Kassette hervor und schaltet den Fernseher ein. Das Video zeigt, wie fünf vermummte Gestalten den gefesselten Amerikaner Nick Berg grausam ermorden. An den Haaren hält jemand schließlich den abgetrennten Kopf in die Kamera. Das Bild flackert, Chalim stellt den Fernseher aus. "Das erwartet alle amerikanischen Soldaten", bricht er die Stille. Aber war Nick Berg nicht ein Geschäftsmann - und kein Soldat? Chalim stutzt, das hat er nicht gewußt. Er denkt nach: "Aber er war Jude."

Mehr als 700 Kilometer lang ist die syrisch-irakische Grenze. Es ist eine Grenze, die es lange Zeit nicht gab. Irgendwo in der Geröllwüste verlief sich Syrien, und der Irak begann. Heute markiert immerhin je ein Sandwall auf irakischer und syrischer Seite die in den zwanziger Jahren recht willkürlich erdachte Trennungslinie. Das verstaubte Grenzstädtchen Abu Kamal liegt am Euphrat und zeigt so den untersten Zipfel Mesopotamiens. Inmitten einer unwirtlichen Wüste, die mehr als die Hälfte des syrischen Staatsgebietes umfaßt, schafft der Euphrat einen kleinen grünen Streifen urbaren Landes. Seit Jahrhunderten sind sunnitische Beduinenstämme hier zu Hause. Rafi Abu Ibrahim gehört zu den Duleimi, einem Nomadenstamm. Doch Rafi ist seßhaft. Mehr oder weniger. Sein Haus gleicht einem gemauerten Zelt, möbliert ist es ausschließlich mit knallbunten Teppichen. Rafi sollte Chalim und seinen Freund über die Grenze schmuggeln. Das macht er beruflich. "Leichtverdientes Geld", lacht er.

Eigentlich tue er nichts anderes als seine wandernden Vorfahren. "Viele von uns haben Verwandte auf der anderen Seite", sagt er. "Wir haben uns vor dem Krieg besucht und tun das auch jetzt noch." Davon könne ihn kein Grenzbeamter abhalten. Er kenne das Gebiet eben wie seine Hosentasche. Gegen Bezahlung habe er schon Pick-up-Trucks mit Munition, Koffer mit unbekanntem Inhalt und Menschen verschiedenster Nationalitäten über die Grenze gelotst. Für etwa 200 bis 500 Dollar bringt Rafi einen Fremden in den Irak oder auch wieder zurück. "Die Rundreise kann ich aber nicht empfehlen", sagt er gut gelaunt. Die syrischen Sicherheitskräfte hätten in den vergangenen Monaten mehrere Dutzend zurückgekehrter Kämpfer festgenommen. "Die haben wohl Angst, es könne auch hier zu Unruhen kommen." Rafi hat wenig Zeit, das Geschäft ruft. Ein schlaksiger junger Mann mit Assad-Schnurrbart wartet schon. "Das ist mein Schwiegersohn", stellt Rafi ihn vor. "Er hat gute Beziehungen und hilft mir bei der Organisation."

Über die letzte Frage muß Rafi lachen: "Auf wessen Seite ich stehe? Mir ist das völlig egal. Ich bin Geschäftsmann. Aber hör dich mal in den Dörfern an der Grenze um. Da gibt es einige, die sich dem Widerstand sehr verbunden fühlen." Die Schamar beispielsweise würden mit ihren irakischen Stammesgenossen offen gegen die Amerikaner kooperieren.

Also auf zu den Schamar. Doch bei einem Zwischenstopp im Dörfchen Riqa südlich von Abu Kamal findet die Spurensuche ein jähes Ende. Die Dorfbewohner erzählen gerade von wilden Schußwechseln über die Grenze hinweg, von amerikanischen Grenzverletzungen direkt nach dem Krieg und von ihrer Angst vor einer Invasion, da kommen zwei ernst dreinschauende Männer heranmarschiert. Es sei gefährlich hier, sagt einer fürsorglich. Man solle sich besser schnellstens auf den Rückweg nach Damaskus machen. Sie könnten auch beim Transport behilflich sein.

Der syrischen Geheimpolizei widerspricht man nicht: also zurück nach Abu Kamal. Dort angekommen, serviert ein freundlicher junger Mann im Polizeihauptquartier Kaffee und Tee. Er grinst über das ganze Gesicht. Es ist Rafis Schwiegersohn. "Er hat gute Beziehungen und hilft mir bei der Organisation", hatte Rafi über ihn gesagt.

 


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.03.2005, Nr. 9 / Seite 11